Am letzten Mittwoch ging es fuer uns mit der Faehre von Koh Samui nach Koh Pha-Ngan, wo wir nach einer holprigen Fahrt im Pick-Up quer durch den Dschungel auf einmal im Paradies standen. Unser Bottle Beach war, ganz genau wie wir uns das vorgestellt haben, abgelegen von jeglicher Zivilisation, und erwartete uns schon mit Sonnenschein und kleinen Holzhuetten direkt am Meer. Ich glaube, wir haben zwanzig Minuten lang laut gelacht, weil wir unser Glueck nicht fassen konnten.
Zuerst war es ein bisschen ungewohnt, ueberhaupt keine Plaene zu haben. Normalerweise bleiben wir ja nie laenger als ein paar Tage am gleichen Ort, und meistens unternehmen wir ja viel. Am Bottle Beach gab’s allerdings nicht besonders viel zu tun, abgesehen von Lesen und traeumerischen Gedanken nachhaengen. Und so haben wir mal einen ganz anderen Tagesrhythmus gefunden. Waehrend Sam morgens lange geschlafen hat, bin ich ein bisschen umher geschlunzt, hab Muscheln gesammelt oder in der Morgensonne ein paar Seiten gelesen. Nach dem Fruehstueck haben wir Karten gespielt oder vor uns hin gedoest. Manchmal haben wir uns aber auch aktiv gefuehlt, dann hat Sam mir Muschelarmbaender gebastelt…
… und ich hab das Meer von allem moeglichen Unrat befreit.
Gleich am zweiten Nachmittag haben wir uns mit Kathi aus Wien, die wir schon unterwegs zu unserem Strand kennengelernt hatten, auf den Weg zu einem Aussichtspunkt gemacht. Dabei ging’s 45 Minuten konsequent bergauf, durch Graeser und Gebuesche, die hoeher gewachsen waren als wir. Alle Anstrengung war es wert, denn oben angekommen hatten wir einen grossartigen Blick auf unsere wunderschoene Bucht.
Abends haben wir uns meist mit Kathi und ein paar anderen zum Essen getroffen und lagen dann immer relativ puenktlich im Bett, wo wir unter dem Rauschen der Wellen ganz happy eingeschlummert sind.
Und dann kam Silvester. Das furchtbarste Silvester aller Zeiten. Generell hab ich ja nie besonders viel Glueck mit Neujahrsfeiern, aber dieses Jahr kann an traumatischen Ereignissen alles in den Schatten stellen. Wie schon ein paar Mal erwaehnt, hatten wir fest vor, zusammen mit 40.000 Menschen im Sueden Koh Pha-Ngans ins neue Jahr zu feiern. Unsere Hotelanlage hatte ein Shuttle organisiert, das uns nach ein paar Einstimmungsdrinks am Strand zum 40 Kilometer entfernten Haad Rin gebracht hat. Und schon auf der einstuendigen Fahrt haben wir lustige Leute kennengelernt, mit denen wir uns prompt zusammen geschlossen haben. Erste Station in Haad Rin: Einen Eimer WodkaCola kaufen und uns bemalen, bis wir leuchten. Bis dahin war es ein klasse Abend.
Allerdings hat es dann keine fuenf Minuten gedauert, bis wir uns verloren haben, sodass nur Sam, ich und Josh aus England uebrig waren. Aber dann war auch Sam ein paar Minuten spaeter weg. Wir haben uns gerade zu dritt einen Weg durch die Menschenmassen gebahnt, Sam vorneweg, als ich ihn auf einmal nicht mehr sehen konnte. Da war es 23:40. Wieder gefunden habe ich ihn am naechsten Morgen, um 9:30. Dazwischen liegen ganz schoen viele Traenen, diverse Aufenthalte in der Polizeistation, die als unser Treffpunkt fungieren sollte und ein paar Glasscherben in den Fuessen. Gluecklicherweise hatte ich zumindest Josh bei mir, der tapfer mich vor nahenden Nervenzusammenbruechen bewahrt hat. Der Arme hat sich sein Silvester bestimmt auch anders vorgestellt. Ich kann heute nicht mehr sagen, was schlimmer war. Die Sorge um Sam, weil ich ja wusste, dass er allein ist und mich auch ueberall sucht, oder die Wut, weil wir uns nach stundenlangem Suchen einfach nicht wiederfinden konnten. Wir muessen mindestens drei Mal zur gleichen Zeit am gleichen Ort gewesen sein, das wissen wir jetzt. Als dann um sechs das letzte Taxi zurueck zu unserem Strand ging und Sam immer noch nicht wieder aufgetaucht war, sind mir die Sicherungen durchgebrannt. Josh wollte mich zwar bewegen, in dieses Taxi zu steigen, aber ich hab mich geweigert, Haad Rin ohne Sam zu verlassen. Spaeter sollte sich herausstellen, dass Sam in genau diesem Taxi sass, in der Hoffnung, ich waer schon zurueckgefahren.
Nach weiteren zwei Stunden Suche am Morgen musste ich einsehen, dass es wirklich keinen Sinn mehr macht. Es hat dann Ewigkeiten gedauert, ein normales Taxi zu finden, das keine 200 Euro fuer die Fahrt haben wollte, und um halb neun sassen wir endlich auf der Rueckbank eines Pick-Ups. Dass der allerdings in die falsche Richtung fuhr, haben wir zu spaet gemerkt. Grund dafuer war, dass die Frau vom Fahrer einen Termin beim Augenarzt hatte und wir die da noch hinkutschieren mussten. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Wir mussten dann noch zwei Mal umsteigen, und jedes Mal wieder neu verhandeln, bis wir endlich endlich endlich wieder am Bottle Beach waren. Als ich gerade noch verzweifelt darueber nachgedacht hab, was ich eigentlich machen soll, wenn Sam jetzt nicht da ist, kam der am Strand auch schon im Affenzahn auf mich zugestuermt. Fuer die Leute, die schon in der Sonne lagen oder beim Fruehstueck sassen, muss es wohl ein Bild fuer die Goetter gewesen sein, als wir da so ganz dramatisch (voellig zersaust, uebernaechtigt und verheult) aufeinander zugerannt sind. Dass Erleichterung so intensiv sein kann, hab ich vorher nicht gewusst.
Josh habe ich zum Helden der Nacht erklaert, wobei er meint, er koenne sich nicht mehr an viel erinnern. Wahrscheinlich ist er zu hoeflich.
Das hier sind die einzigen Bilder... Theoretisch haette es ja ganz schoen werden koennen.
Viel Zeit, um uns von dieser Horror-Nacht zu erholen, hatten wir allerdings nicht. Schon kurz nach Silvester hat Sam’s Gesundheit schlapp gemacht, und so haben wir die letzten Naechte in Krankenhaeusern verbracht. Da uns das schauderhafte Krankenhaus auf Koh Pha-Ngan keine besonders grosse Hilfe war, mussten wir wieder zurueck nach Koh Samui, wo wir in einer wirklich guten Klinik untergekommen sind.
Bestimmt versteht ihr, dass mir nicht der Sinn danach steht, alles genau zu schildern. Sam hing lange am Tropf und musste sich allen moeglichen Tests unterziehen. Wir haben oft ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, nach Hause zu kommen. Gestern Abend kam dann aber die erloesende Nachricht – alles halb so schlimm. Zum zweiten Mal in diesem Jahr konnten wir uns vor Erleichterung kaum wieder einkriegen. Und heute frueh wurden wir dann entlassen.
Wir haben beschlossen, noch ein bisschen hier zu bleiben, uns von den letzten Tagen zu erholen und dann am Sonntag oder Montag langsam in Richtung Malaysia zu ziehen. Am Freitag treffen wir uns in Kuala Lumpur mit unserem Freund Johannes, den wir in Sri Lanka kennengelernt haben. Bis dahin haben wir keine festen Plaene, jetzt heisst erstmal immer schoen langsam…
Bestimmt wird das alles mal so eine Kracher-Geschichte, von der wir noch ewig reden werden und ueber die wir vielleicht auch irgendwann mal herzhaft lachen koennen. Dann war das ganze Theater wenigstens fuer irgendetwas gut. Im Moment ist uns noch nicht so nach Lachen… Ich fuehl mich noch ein bisschen traumatisiert, sowohl von der Silvesternacht als auch von den Krankenhaus-Bildern, und ich kann immer noch nicht glauben, wie sich innerhalb von wenigen Tagen alles so drastisch veraendern kann. Aber Sam geht’s jetzt endlich wieder gut, und das ist das Wichtigste.
Beschissener kann man in so ein neues Jahr wahrscheinlich nicht starten. Aber das Gute daran ist: Ab jetzt kann’s nur noch besser werden! In diesem Sinne, euch noch ein frohes Neues, ihr Lieben, danke fuer’s Daumen druecken und an uns denken. Fuehlt euch fest gedrueckt!
Ich hör dir gern zu, man merkt die vergangene Zeit wirklich überhaupt nicht. Wenn ich mir allerdings die Party angucke, wäre ich wahrscheinlich eher bei meiner Grundstimmung geblieben. Was soll Sam sonst machen, als am nächsten Morgen vor dir stehen. Der scheint ja nicht blöd zu sein. PS.: Du bist eingeladen, egal wann, egal wohin...
AntwortenLöschenach liebe Willi, was so angefangen hat kann doch nur noch besser werden. Ich wünsche dir und Sam alles Liebe und Gute für 2012!!! Und bleibt schön gesund, damit ihr eure Reise nach Plan fortführen könnt. LG
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