Mittwoch, 13. Juni 2012

Junimond

Hallo liebe Leute!

Jetzt ist es bald soweit... Wir sind seit ein paar Tagen wieder in Auckland bei Sams Familie und ich koennte abwechselnd wie ein Flummi durch die Gegend huepfen und mich dann wegen Abschiedsphobie ganz schnell im Keller verstecken. Damit es heute aber nicht zu melodramatisch wird, erzaehl ich euch lieber was wir noch so angestellt haben, seit ich mich zuletzt gemeldet hab. Vielleicht erinnert ihr euch, wir waren gerade zu Besuch bei Jane in Motueka. Eigentlich wollten wir da ja nur ein oder zwei Naechte bleiben, aber es war so schoen, dass wir uns einfach nicht trennen konnten. Ausserdem hatte Jane's Freundin vier Freikarten fuer die Black Seeds in Nelson. Ich war ja seit Ewigkeiten nicht mehr auf einem Reggae/Ska-Konzert und kann mich nicht erinnern, wann wir zum letzten Mal so viel Spass beim dancen hatten. 
 
(Ich weiss nicht, was das mit dem Arm soll)
Irgendwann mussten wir ja aber mal weiterziehen, und so ging es mit der Faehre zurueck zur Nordinsel, wo wir uns erstmal in der Hauptstadt Wellington niedergelassen haben. Hier sind wir auf der Suche nach Sehenswuerdigkeiten ungefaehr 27 Kilometer durch die Stadt marschiert, Cable Car gefahren und schliesslich im riesigen Nationalmuseum Te Papa haengengeblieben. Da hab ich auch endlich einen Orka gefunden, wenn auch etwas weniger verspielt als erhofft.
 
 
Durch Zufall haben dann wir mitgekriegt, dass wir genau zum Dokumentarfilm-Festival angereist sind. Jippi! Also waren wir auch noch fix im Kino, um Exporting Raymond zu gucken – eine wirkliche lustige Reportage ueber die russische Adaption einer amerikanischen Comedyserie.
Von Wellington ging es weiter Richtung Mt. Taranaki, schliesslich wollten wir noch ein paar ordentliche Vulkane sehen! Leider konnten wir bei der Anreise nichts vom Berg sehen, da er vollstaendig in Wolken gehuellt war. Das Wetter scheisst uns ja echt staendig ans Bein. Ein bisschen geknickt haben wir dann spontan im kleinen Staedtchen Stratford angehalten, um unsere Reiseplanung fuer die letzten Wochen in Angriff zu nehmen. Hier in Neuseeland haben die Stadtnamen entweder Maori-Bedeutung oder sie sind nach englischen Vorbildern benannt. Und da Stratford in England der Geburtsort von Shakespeare ist, hat man Stratford in Neuseeland thematisch quasi angeglichen. Die Strassen tragen Namen von beruehmten Werken oder Charakteren, und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, gibt es sogar ein Shakespeare-Glockenspiel mit einer Romeo-und-Julia-Adaption (ganz schlimm!).
 
Wie gesagt waren wir aber eigentlich hier, um uns intensiv mit den kommenden Tagen und Wochen zu beschaeftigen und einen kleinen Plan aufzustellen. Tatsaechlich haben wir alle bisherigen Ideen ueber Bord geworfen, die Haelfte aller geplanten Anlaufpunkte nach dem Ausschlussprinzip gestrichen und nur noch Orte auf die Liste gesetzt, die wir beide unbedingt noch mitnehmen wollten. Uebrig blieb zum Schluss nur eine relativ kleine Liste, aber in Anbetracht dessen, dass wir eh nur noch zwei Wochen hatten, ging es uns damit besser als vorher.
Zuerst sollte es dann nach New Plymouth ganz im Westen gehen, von wo aus man diesen Vulkan wohl auch noch erspaehen koennte. Und ob ihr's glaubt oder nicht - wir sassen keine zehn Minuten im Auto, als wir auf einmal die Bergspitze sehen konnten. Zwei Minuten spaeter waren alle Wolken verpufft. Nach drei Sekunden in stiller Verblueffung sind wir in lautstarken Jubel verfallen wie Knastis auf nem Johnny Cash Konzert. Im Turbogang sind wir Richtung Berg gebrettert, um ihn uns auch aus der Naehe anzusehen und ein bisschen drumrum zu spazieren.
Die naechsten beiden Naechte haben wir in New Plymouth verbracht, einer wirklich huebschen kleinen Stadt am Meer, von der aus wir unseren neuen Lieblingsberg tatsaechlich prima sehen konnten. Wir sind da ewig lange am Meer entlang spaziert, waren mal wieder im Museum und anschliessend im Stadtpark, der so schoen ist, dass er in der neuseelaendischen Ausgabe von Monopoly zum teuersten Dingens gewaehlt wurde. Da gab es Wasserfaelle, viele kleine Seen und auch einen Mini-Zoo mit lustigen Lamas.
 
 
 
Naechstes grosses Ziel auf der Liste war das Zentralplateau, wo wir eigentlich eine Vulkanwanderung machen wollten. Wir waren ja vor zwei Monaten auf dem Weg zur Suedinsel schon mal kurz da, konnten wolkenbedingt aber nichts sehen. Der kuerzeste Weg von New Plymouth zu dieser Vulkanebene fuehrte ueber einen Strasse, die sich The Forgotten World Highway nennt. Wer jetzt an Jurassic Park oder so denkt, liegt leider falsch. Ich glaube, das heisst so, weil man einfach nur vergessen will, dass man jemals dort war. Fuer die 100 Kilometer haben wir ueber vier Stunden gebraucht, weil wir in den dreitausend Kurven immer nur hoechstens 30 km/h fahren konnten. Nach einer Ewigkeit haben wir dann endlich wieder einem normalen Highway erreicht, und dann haben wir ewig gar nicht mitgekriegt, dass wir schon auf auf der Vulkanebene waren. Es war so nebelig und bewoelkt, dass wir von den Vulkanen direkt neben uns nicht mal die untersten zehn Meter sehen konnten. Wie gut, dass ich bereits drei Mal in der Touristeninfo angerufen hatte, um mich nach dem Wetter zu erkundigen und mir jedes Mal gesagt wurde, wie blau und wolkenlos der Himmel sei und wie ausgezeichnet man die Berge sehen koenne. Waehrend ich die bloede Wetterbratze mental mit Schimpfwoertern beschmissen hab, hat sich Sam gar nicht aus der Ruhe bringen lassen. Fahren wir eben drumrum, hat er gesagt. Klar, hab ich gedacht, kutschen wir eben wieder zurueck nach Wellington. Aber gerade als ich losputern wollte, schob sich ein winziges Stueckchen blauer Himmel ins Blickfeld. Und zehn Kilometer weiter praesentierten sie sich uns dann, die drei Vulkane. Der juengste von denen, links im Bild, ist euch vielleicht bekannt als Schicksalsberg.
Dankbar und trotz plattgesessenen Hinterns happy haben wir uns dann auf die Suche nach einem Nachtquartier begeben. Das war aus zwei Gruenden lustig:
1. Es war das lange Queen-Geburtstags-Jubilaeums-Wochenende, das hier als Nationalfeiertagsause gehaendelt wurde, weshalb alle Campingplaetze gerammelt voll waren. Mit Ach und Krach haben wir noch eine Motelanlage gefunden, in der sie noch einen Stellplatz fuer uns hatten. Und damit kommen wir zu
2. Der Besitzer war der Kracher. Nachdem wir beim ueblichen Begruessungs-Small-Talk geklaert hatten, wo wir herkommen, hat er angefangen von sich zu erzaehlen.
Er: Oh, Deutschland. Aha, welche Seite denn? Vielleicht Osten?
Ich: Hm, Osten.
Er: Oh, toll. Weisst du, meine Grossvaeter stammen aus Dresen. Aber in den fruehen Vierzigern sind sie nach Suedafrika ausgewandert, war wohl besser so.
Ich: Gutes Timing.
Er, voellig ratlos: Warum?
Ich: Na wegen der Bombardierung.
Er: Wieso?
Ich: Zweiter Weltkrieg.
Er: Quatsch. Ich rede von den 1740ern, du Pflaume.
Sam lacht. Ich sage nichts.
Er: Alte DDR also. Hat sich denn die Wirtschaft mittlerweile angepasst?
Ich: Joa, ist ja schon ein bisschen her mit der Mauer.
Er: Hm. Und fuehlt ihr euch denn als Sklaven?
Ich, voellig ratlos: Aehm. Eigentlich nicht. Wieso denn Sklaven?
Er: Nicht Sklaven. Slaven! Fuehlt ihr euch als Slaven?
Die Frage ist ja genauso bescheuert. Sam verlaesst den Raum, das Gesicht konzentriert auf den Boden gerichtet. Ich sage dem Typen, dass ich mich genauso slavisch wie mexikanisch fuehle und sehe zu, dass auch ich Land gewinne.

Da fuer die naechsten Tage Schnee und Sturm angesagt war, hatte sich das mit der Vulkankletterei ein weiteres Mal erledigt. Gut. Nicht aergern, durchatmen und Plan B ausdenken. Und so ging es weiter nach Napier an der Ostkueste. Napier hat es in den 30ern (und ich meine die 1930er) bei einem starken Erdbeben ganz schoen entschaerft. Beim Wiederaufbau hat man sich dann offensichtlich das Art-Deco-Thema ganz fett auf die Fahne geschrieben, was wir ausgesprochen albern fanden. Nach einem kleinen Stadtbummel durch die kuenstliche Altstadt haben wir das Nationalaquarium auf der Strandpromenade entdeckt. Vom Hocker gehauen hat's und leider nicht, es gab nichts, was wir nicht schon gesehen haben. Lustig allerdings war der Rueckweg zum Parkplatz – Sam hat naemlich was tolles hinterm Gartenzaun entdeckt.
Nach Napier ging's ab nach Rotorua, auch bekannt als 'Thermalhauptstadt'. Zur Einstimmung haben wir unterwegs schon mal kurz bei den Crater of the Moon gestoppt, wo so heisser, nach faulen Eiern stinkender Wasserdampf an allen Ecken aus der Erde stroemt. 
In Rotorua selbst hat's dann auch dermassen gemufft, dass wir unser Lager ausserhalb der Stadt aufgeschlagen haben. Da das Wetter mal wieder nicht mitgespielt hat, sind wir zum hundertsten Mal im Museum gelandet. Dieses Museum war frueher mal ein beruehmtes Badehaus und hat mich stark an das alte Halberstaedter Schwimmbad erinnert (nur von innen). 
 
Zumindest haben wir dort den Tag zur Haelfte rumgekriegt und als spaeter die Wiederholung der Queen-Geburtstagsparty in London lief, war der Abend auch gerettet. Am naechsten Tag sind wir in ein Thermal-Wunderland geduest, wo es noch intensiver gemieft hat, wir aber viel sehen konnten. 
 
 
 
 
Als naechstes ging es nach Tauranga im Norden, wo wir den Mt. Manganui bestiegen haben. Das war quasi der Ersatz fuer unsere nicht stattgefundene Vulkanwanderung. Weil sich die Sonne endlich mal wieder hat blicken lassen, hat das sogar Spass gemacht und von oben hatten wir ne prima Sicht.
 
 
Das letzte grosse Ziel war die Coromandel Halbinsel. Da haben wir am Wochenende eine Runde gedreht, und das war so:
Goldmine
Cathedral Cove
Sonntagfrueh, 6:45 Uhr - Public Viewing aufm Zeltplatz
 
Tja, und nun sind wir wie gesagt wieder hier in Auckland. Ich hab schon angefangen meinen Rucksack auszusortieren (es ist bemerkenswert, was sich in neun Monaten so ansammelt), und dann mach ich mich demnaechst ans Packen. Wir haben noch ein bisschen was zu tun, zum Beispiel wollen wir das Auto schnellstmoeglich verscheuern und ich kann wohl auch meine gezahlten Apfelpfluecksteuern zurueck ergaunern. Ausserdem soll das Wetter nochmal schoen werden, sodass wir vielleicht noch ein bisschen was unternehmen koennen. Und dann am Montag geht mein Flieger, 17:15 Uhr neuseelaendischer Zeit. Ich fliege knapp vier Stunden nach Brisbane, von da aus 15 Stunden nach Dubai und nach 4 Stunden Aufenthalt nochmal sechseinhalb Stunden nach Hamburg, wo ich dann Dienstagmittag wahrscheinlich voellig verpeilt aufschlagen werde.

Es ist mir erstaunlich bewusst, dass es nun fast vorbei ist. Eigentlich dachte ich immer, dass ich das so kurz vor der Heimreise gar nicht realisieren koennte... Aber die Stimmung schwankt schon ganz schoen hin und her. Manchmal bin ich so aufgeregt, dass ich ueberhaupt nicht einschlafen kann und manchmal bin ich so traurig, dass es beim Gedanken an den Abschied verdaechtig in der Traenendruese zwickt. Eins weiss ich aber ganz sicher: Es reicht jetzt wirklich hin mit dem Vagabundenleben. Ich freu mich auf Zuhause und bin gespannt auf alles was dann kommt. Jobsuche, Wohnungssuche, Sommer... (Falls ihr jemanden kennt, der mit einer Journalistik/Medienmanagement-Absolventin etwas anfangen koennte, dann gebt mir ein Signal!)
So, und nun machen wir kein grosses Drama draus. Das war der letzte Blog aus einer anderen Zeitzone. Ein allerletzter kommt aber noch, wenn ich mich wieder halbwegs eingelebt hab, so als rueckblickender Abschluss. Oder abschliessender Rueckblick. Also ihr Lieben, dann wir sehen uns naechste Woche! Wer noch keinen Sekt/Wein/Wodka im Kuehlschrank hat, sollte das bitte schnellstens nachholen.