Samstag, 18. Februar 2012

Von blonden Geistern, extrovertierten Schildkroeten & Korruption in Perfektion

Ein letztes Hallo aus Bali! Es ist 22:30 Uhr, und ich liege gerade aufm Marmorboden in der Flughafenvorhalle. Warum Flughafen? Weil Bali zu Ende ist und jetzt Singapur auf dem Plan steht. Warum Marmorboden? Weil es hier nur acht Sitzplaetze in der ganzen verschissenen unteren Etage des Flughafens gibt. Weiter nach oben duerfen wir noch nicht, denn wir fliegen erst morgen frueh um sechs, und um in die heiligen Hallen mit den vielen Sitzen zu kommen, muss man zumindest schon mal eingecheckt haben. Das koennen wir aber erst morgen frueh um vier. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich dann nicht in einem gemuetlichen Hotelbettchen liege. Das liegt daran, dass wir gerade auf Extremsparflamme laufen, weil wir naemlich in den letzten Tagen eine ganze Menge Geld an balinesische Arschkrampen austueten mussten, die uns uebern Nuckel gezogen haben. Aber ich fang vorne an.

Wie ihr an den Bildern unschwer erkennen koennt, drehte sich seit meinem letzten Lebenszeichen so ziemlich alles um Meer und Sonnenuntergaenge. Nachdem wir in den ersten anderthalb Wochen das komplette Kulturprogramm durchlaufen hatten, habe wir die letzten 12 Tage eben fuer Erholungsurlaub genutzt.
Mit unserem Jeep ging es von Padangbai erstmal weiter nach Kuta. Da diese komische Stadt als Ballermann fuer Australier gilt (und es ist wirklich nicht zu uebersehen, warum), wollten wir da gar nicht viel Zeit verbringen. Aber da wir den meistfotografiertesten Tempel Balis, Pura Tanah Lot, natuerlich selbst auch mal knippsen wollten, und das auch noch bei Sonnenuntergang, mussten wir da wohl oder uebel zumindest eine Nacht bleiben. Die Hauptstrasse in Strandnaehe hat mit ihren Klamotten- und Souvenirshops fast schmerzvoll an Koh Samui erinnert, fette Australier sind oberkoerperfrei und bruellend von Bar zu Bar gewankt und obendrauf war's auch noch schweineteuer. Gelohnt hat sich's dann aber trotzdem, eben weil wir so einen tollen Sonnenuntergang bei besagtem Tempel abgekriegt haben.
Von Kuta ging es letzten Mittwoch dann zurueck ins Frauencamp Ubud, weil wir unseren Jeep wieder abgeben mussten. Die Weiterreise, dann ja wieder per Shuttlebus, konnten wir allerdings erst fuer den naechsten Morgen buchen, und so mussten wir auch dort widerwillig noch eine Nacht verbringen. Die Vorfreude auf unser naechstes Ziel hat jedoch fuer alles entschaedigt, schliesslich wollten wir zu den Gili Inseln! Das sind drei klitzekleine Insel zwischen Bali und Lombok, und obwohl sie nur knapp 30 Kilometer von Balis Hafenstadt entfernt sind, kann man fuer die Anreise schon mal dreizehn Stunden brauchen, so wie wir. Von Ubud ging es um sieben mit dem Bus wieder nach Padangbai, wo wir unsere Faehre verpasst haben, weil der Busfahrer unterwegs zweimal pinkeln musste. Mit der naechsten Faehre sind wir dann vier Stunden lang nach Lembar, der Hafenstadt Lomboks, gefahren. Der Wellengang war zwischenzeitlich so beachtlich, dass ich auf meinem Plastestuhl auf dem oberen Deck von einer Seite zur anderen schlittern konnte (dass das ueberhaupt geht, hat der Plastikstuhl ohne meine Zustimmung herausgefunden, als ich gerade auf ihm eingeschlummert war). Von Lembar mussten wir mit einem Bus weiter Richtung Norden, zum kleinen Hafen in Bangsal. Wegen Strassenbauarbeiten hat diese Fahrt dreieinhalb Stunden gedauert, in denen wir mehrfach von Affen attackiert worden sind, weil die daemlichen Niederlaender in unserem Bus denen mit Bananen zugewunken haben. Das einzige Fenster, das sich nicht schliessen liess, war dann uebrigens meins. In Bangsal haben sie uns dann warten lassen bis zur Daemmerung, bis man uns ein kleines Boot schickte. Leider haben wir uns waehrend dieser Wartezeit bequatschen lassen und unser Rueckfahrticket bei einer Transportgesellschaft namens Haman Tours gekauft, gleich mit allen Booten und Bussen, direkt bis zurueck nach Kuta. (Da mussten wir naemlich wieder hin, weil wir fuer unser neuseelaendisches Visum vorweisen mussten, dass wir trotz sechs Monaten in Asien tuberkulosefrei sind. Und das einzige Krankenhaus auf Bali, dass dafuer befaehigt ist, liegt nun mal in Kuta.) Obwohl schon wieder nichts geklappt hat wie geplant und wir nach elf Stunden immer noch nicht am Ziel waren, haben wir uns gut gelaunt mit unseren Rueckfahrttickets zugewedelt und konnten dann schliesslich, kurz nach sechs, in ein kleines Boot huepfen. Ursprunglich hatten wir Gili Trawangan angepeilt, das ist die Groesste der drei Inseln und soll wohl sehr schoen und vor allem ruhig sein, und darauf kam es uns ja an. Als wir aber herausgefunden haben, dass ausnahmslos alle der etwa 30 Leute (von denen die Haelfte zugeloetete Australier waren) in unserem Boot auch dahin wollten, haben wir das Ruder spontan rumgerissen und uns einfach schon auf Gili Air absetzen lassen. Und etwas Besseres haette uns tatsaechlich nicht passieren koennen. Bei einsetzender Dunkelheit sind wir die Ostseite der 500x500 Meter grossen Insel hochgesprintet, um noch fix einen Schlafplatz zu finden. Und dann haben wir einen richtigen Volltreffer gelandet. Das hier, liebe Leute, war unser Haus:
 
Und ich meine damit nicht, dass wir ein Zimmer in diesem Traumhaus hatten – nein, es war alles unsers! Und das fuer zwoelf Euro pro Nacht! Das Haeuslein steht auf dem Grundstueck einer ganz tollen Familie, die von dem ganzen Touri-Kommerz nicht viel haelt. "Sucht euch aus, was ihr bezahlen wollt", haben sie gesagt. Ich war vor lauter Freude ganz sprachlos. Dieser Zustand sollte sich noch intensivieren, als das Familienoberhaupt in Form eines schoenen Mannes vor der Tuer stand, um uns Willkommen zu heissen. Da stand ich stramm wie ein Zinnsoldat und hab vor lauter Schreck keinen Pieps mehr rausgekriegt. Sam, der sich zwischen Fremdscham und Belustigung nicht entscheiden konnte, hat die Situation dann ganz souveraen gerettet und ihn mit Fragen zu Haus und Garten ueberhaeuft. Irgendwann hab ich dann auch meinen Verstand wiedergefunden, und von da an lebten wir gluecklich und zufrieden, bis zum Ende der sechs Tage auf Gili Air.
Gleich am naechsten Tag waren wir schnorcheln, und nach nicht mal zwei Minuten kam schon eine Schildkroete vorbei geschossen und hat sich stolz praesentiert. Tatsaechlich hatten wir jedes Mal so ein Riesenglueck, diese Gili-Air-Schildkroeten sind ganz offensichtlich alles andere als schuechtern. Ich fands grosse Klasse, und Sam hat sich ueberhaupt nicht wieder eingekriegt. Sechs Mal war er schnorcheln, und insgesamt neun Schildkroeten hat er gesehen.
Wenn wir nicht durch das klarste Wasser der Welt geschnorchelt sind, haben wir meistens gelesen. Am Strand, auf unserer Terasse, in Haengematten von Restaurants. Oder wir sind spazieren gegangen...
Es war paradiesisch. Einziges Manko waehrend dieser Zeit waren die Abende. Denn sowie es dunkel wurde, kamen die Monsterkaefer aus ihrem Versteck. Abend fuer Abend wurden wir attackiert, und als mir schliesslich ein faustgrosser Kaefer an den Kopf geknattert ist, bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Vielleicht hab ich auch ganz kurz gequiekt. Jedenfalls kam der schmucke Laas zu uns rueber, um mir ganz geduldig zu erklaeren, dass diese Kaefer wirklich nicht gefaehrlich sind. Na das kenn ich ja von zu Hause schon. Ich weiss ja, dass ich groesser bin als Spinnen und auch als diese missratenen Kaefer, ich hab aber trotzdem mehr Angst vor denen als die vor mir. Na irgendwie haben wir uns dann verquatscht, Laas fragte nach Bier und Zigaretten, Sam spielte Gastgeber und ich hab mich pudelwohl gefuehlt. Wir haben die halbe Nacht lang erzaehlt, vorwiegend ueber sein Leben. Ihr glaubt nicht, was ein Mensch ertragen kann. Als Baby entfuehrt, dann jahrelang misshandelt, als Hilfskraft ausgenutzt, unbezahlt natuerlich, hat er Mitte 20 Touristen aus Geldnot Touristen ueberfallen, was er heute noch nicht ohne Traenen in den Augen erzaehlen kann. Dann hat er seine Frau kennengelernt und auch Magie fuer sich entdeckt. Jetzt ist er 37 und hat ein riesiges Grundstueck, finanziert durch Sportwetten. Von dem Geld will er aber nichts wissen, das verdirbt den Charakter, sagt er. Er kauft sich selten was, seine Frau ist der Finanzverwalter. Die ganze Insel kennt ihn, sieht ihn als Helden, denn mit dem Geld, was er nicht will, kauft er den Dorfbewohnern Ausstattung fuer ihre Geschaefte, Tiere oder sogar Grundstuecke. Auch seinen Peinigern greift er finanziell unter die Arme. Als ich ihn frage, wie um alles in der Welt er das anstellt, kommen wir auf seinen Glauben zu sprechen. Stundenlang erklaert er uns die Grundsaetze des Islam (aber nicht so wie im Nahen Osten, das betont er immer wieder). Wir mussten uns manchmal schon ein schmunzeln verkneifen, aber es ist doch beeindruckend, wieviel dieser Islam mit dem allgemeinen Verstaendnis vom Zusammenleben gemein hat. Wenn ich mehr Elan haette und mich der Marmorboden nicht so endlos nerven wuerde, dann wuerde ich das alles ein bisschen mehr ausfuehren. Vielleicht schreib ich ja wirklich mal ein Buch. Irgendwann weit nach Mitternacht verabschiedete sich Laas dann jedenfalls, aber nicht ohne uns noch schnell auf die beiden blonden Geister hinzuweisen, die hinter unserem Haus wohnen. Sie sehen wohl aus wie Schwedinnen und passen auf das Haeuschen auf, weil dort immer mal Weisse wohnen. So aufmerksam das von den beiden ist, ich gab mir trotzdem alle Muehe, das ganz schnell wieder zu vergessen.


Nach sechs wunderbaren Tagen auf dieser Trauminsel, auf der sich ausser uns kaum Touristen tummelten, mussten wir am Dienstag schweren Herzens unsere Sachen packen und uns von unserer Gastfamilie verabschieden. Wir hatten fuer Mittwochfrueh einen Termin im Krankenhaus, und den Sueden von Bali wollten wir ja auch noch sehen.

Und sowie wir den Fuss ins Boot gesetzt haben, war die Kacke schon wieder am dampfen. Es stellte sich heraus, dass unsere Rueckfahrtickets nicht gueltig waren, wohl kaum fuer die Faehre und schon ueberhaupt nicht bis nach Kuta. Dummerweise trafen wir durch Zufall die Deppen von Haman Tours am Busterminal in Bangsal, und da hats richtig gekracht. Als die uns dann noch als Luegner hinstellen wollten, haben wir auch den letzten Rest Selbstbeherrschung verloren. Erst als wir kurz vor einer Pruegelei standen (so geladen wie ich war, haett ich wohl erst eins aufn Turm kriegen muessen, um wieder zu mir zu finden), haben andere eingegriffen und uns dann nachdruecklich vor Haman Tours gewarnt. War ja jetzt aber auch zu spaet. Viel gebracht hat's zwar nichts, aber zumindest haben wir dem ganzen angestauten Aerger ueber saemtliche Touri-Verarsch-Aktionen und das Zwei-Preise-System (Weisse bezahlen ja grundsaetzlich mehr, ueberall) mal ordentlich Luft machen koennen. Irgendwie haben wir's dann auch zurueck nach Bali geschafft, und sogar auch nach Kuta, sodass wir am Mittwoch dann wie geplant unsere Roentgenaufnahmen machen lassen konnten.

Danach haben wir uns zum letzten Mal ein Motorrad unter den Hintern geschnallt, mit dem wir drei Tage lang den Sueden erkundet haben. Unterwegs dorthin, in einer Stadt namens Jimbaran, wurden wir an einer Ampelkreuzung von der Polizei rausgewunken. Man erklaerte uns dann unvermittelt, dass wir mit dem Vorderreifen auf einem Zebrastreifen standen und nun 500.000 Rupiah Strafe zahlen muessten. In einem Land, in dem jeder faehrt wie er will und Regeln nur als Vorschlag angesehen werden, in dem einem achtjaehrige auf Motorrollern in der Einbahnstrasse entgegenkommen und aus zwei Spuren schnell auch mal vier werden koennen – hier sollten wir also 50 Euro bezahlen, weil wir an der Ampel einen Zebrastreifen streiften. Wer malt denn ueberhaupt nen Zebrastreifen vor ne Ampel?! Natuerlich haben wir diskutiert ohne Ende, aber es war nichts zu machen. Die beiden netten Beamten hatten auch kein Problem damit ganz offen zuzugeben, dass sie eigentlich nur Weisse aus dem Verkehr ziehen. Wir habens ja. Eins sag ich euch: Ich war froh, dass wir uns am Tag vorher schon bei den Idioten auf Lombok ausgetobt hatten, sonst haett ich mich wohl vergessen. Sam hat dann schliesslich die Frage der Fragen gestellt – wieviel Geld sie haben wollen, um zu vergessen, dass sie uns gesehen hatten. Und so sind wir mit 20 Euro Schmiergeld davon gekommen. Zwanzig Euro. Ein ganzer Reisetag. Als wir die dann ausgetuetet hatten, sollten wir so schnell wie moeglich abdampfen. 'Ist doch aber rot', hab ich gesagt. 'Ja, aber wir erlauben es euch jetzt.' Vielleicht laeuft das hier so wie bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben. Wirste beim Schwarzfahren erwischt, musste 40 Euro blaettern, darfst dafuer aber noch 45 Minuten ohne Fahrschein weiterfahren. Wirste auf Bali auf nem Zebrastreifen erwischt, musste 20 Euro bezahlen, darfst dafuer aber 45 Minuten ueber rot fahren und auf so vielen Zebrastreifen stehen wie du willst.



Auf der Suche nach guter Laune haben wir dann an verschiedenen Straenden halt gemacht, und tatsaechlich sind wir dank dem tuerkisblauen Wasser ganz schnell wieder auf andere Gedanken gekommen...


Am Donnerstagabend waren wir beim Ulu Watu Tempel ganz im Sueden Balis. Da haben wir mit Aeffchen gespielt, russische Touristen ausgelacht und nochmal einen schoenen Sonnenuntergang erwischt, unseren letzten auf Bali. 
Und da hat sich dann auch ein bisschen Melancholie gemeldet... Es faellt mir echt schwer zu begreifen, dass Asien jetzt fast hinter uns liegt. Das halbe Jahr wirkt wie ein Traum, und wenn wir uns die Fotos ansehen, koennen wir selbst schon kaum mehr glauben, dass wir das alles wirklich gesehen und erlebt haben. Manchmal geht mir der Hintern schon ganz schoen auf Grundeis, wenn ich daran denke, dass jetzt nur noch fuenf Tage in Singapur und drei Monate in Neuseeland kommen, bevor es dann wieder nach Hause geht... Ausserdem aergere ich mich tierisch, dass ich mir nicht auch selbst aus jedem Land Postkarten geschickt hab. Wuerde sich denn jemand bereit erklaeren, seine Sammlung abzutreten, wenn ich wieder da bin?

So. Ich werde es mir jetzt auf meinem Marmorboden so richtig gemuetlich machen (das heisst, ich puste jetzt mein Reisekissen auf), und dann fliegen wir ja in ein paar Stunden schon. Ich melde mich dann aus Neuseeland wieder. Der Flug nach Auckland geht Dienstagabend, wo wir von Sams Onkel vom Flughafen abgeholt werden. Bei ihm und seiner Familie werden wir ungefaehr eine Woche bleiben, bis wir ein Auto und einen Plan haben... Also dann, ihr Lieben. Ich drueck euch mit Schwung und schick euch liebste Gruesse!


Ja, ich nochmal.
Ich bin beim Hochladen eingeschlafen. Jetzt sind wir schon in Singapur. Hier ist es laut und aufregend und gross und sehr westlich, aber wir sind ein bisschen zu verpeilt, um das gebuehrend anzuerkennen. Alles, was mir fast schwindelerregend klar im Bewusstsein klebt, sind die Preise. Fuer eine Uebernachtung in einer echten Absteige, nach der wir auch noch drei Stunden suchen mussten, bezahlen wir 40 Euro. Mit Wehmut denk ich an unsere drei-Euro-Bungalows in Laos zurueck... Aber morgen stuerzen wir uns ausgeschlafen ins Grossstadtleben, viel Zeit zum Vertroedeln bleibt uns hier ja nicht. Um den Eindruck von mir als Trauerkloss ein bisschen zu relativieren: Ich freu mich riesig auf ein paar Ruhetage in Neuseeland, auf ein Haus mit grosser Familie, auf eine Waschmaschine und eine Flasche Wein, auf eine Woche ohne packen und vor allem, und das steht ganz oben auf der Liste, auf ein Land, in dem jeder das Gleiche fuer Bus, Essen und Sehenswuerdigkeiten bezahlt. In diesem Sinne, hurra und bis bald!

Montag, 6. Februar 2012

Bali

Ich bin total verknallt in Bali! Alles ist genau so, wie ich’s mir vorgestellt hab, oder sogar noch besser. Diese klitzekleine Insel ist allem Anschein nach sowohl Zusammenfassung als auch Superlative von allem, was wir in Asien bis jetzt gesehen haben. Die Architektur der Tempel und die Landschaft sind der Kracher, die Menschen sind unglaublich freundlich (zumindest die, die nicht in der Tourismusbranche arbeiten) und die Kultur ist so faszinierend, vor allem die Religion, dass ich am liebsten den ganzen Tag mit den Einheimischen erzaehlen und mir ihre Geschichten anhoeren wuerde. Der Hinduismus, der hier praktiziert wird, ist zweifellos was ganz Besonderes. Schon allein, wenn man sich ueberlegt, dass in Indonesien ja eigentlich der Islam so sehr verbreitet ist wie sonst nirgends auf der Welt. Aber hier auf Bali sind 95 Prozent der Bevoelkerung Hindus, und in manchen Orten glaubt man fast, ihre Goetter und Geister selbst sehen zu koennen.
Wir haben gerade grosses Glueck (wurde ja auch mal wieder Zeit), denn kurz nach unserer Ankunft hat das 10-taegige Galungan-Kuningan-Festival angefangen, das nur alle 210 Tage stattfindet. In diesem Zusammenhang haben wir innerhalb kuerzester Zeit eine ganze Menge ueber die balinesische Kultur erfahren. Ich weiss jetzt, wie der Hinduismus funktioniert und finde ihn wunderbar. Manchmal wuensche ich mir, ich koennte auch an unsichtbare Brueder glauben, die immer auf mich aufpassen, oder an Karma und Wiedergeburt. Wahrscheinlich wuerde man in vielen Dingen um Einiges bedachter handeln… Am beeidruckensten finde ich aber, dass es hier noch richtigen Familienzusammenhalt gibt; allemann wohnen sie zusammen, zwar in eigenen Haeusern, aber auf einem gemeinschaftlichen Grundstueck. Alle Geschwister und ihre Eltern, Onkel, Tante, Omma, die Cousine dritten Grades… Sie allen bilden einen Clan, und jeder Clan hat sogar einen eigenen Tempel. Ausreissen kann man nur, wenn man weiblich ist und heiratet. Allerdings wird man dann ohne Umwege direkt Mitglied im Ehemann-Clan. Mag fuer uns ungewoehnlich sein, sorgt hier aber fuer Stabilitaet und Selbstbewusstsein. Jeder weiss, wo er hingehoert, und die Familie steht immer an allererster Stelle. Was ich ausserdem gelernt hab und total witzig finde, ist, dass es hier nur ganze vier Vornamen gibt: Erster, Zweiter, Dritter und Vierter. Echt jetzt! Und im Falle eines fuenften Kindes wird einfach wieder von vorne angefangen.
Zum Glueck koennen die Balineser meistens ganz gut englisch sprechen und reden auch unheimlich gerne, sodass ich sie am laufenden Band ueber alles moegliche ausquetschen kann.

Die ersten Tage auf Bali haben wir im Norden verbracht, am Strand von Lovina. Dort leben die einzigen wilden Delfine in Indonesien, und selbstverstaendlich wollten wir die auch aufspueren. Also sind wir ganz frueh morgens mit einer kleinen Nussschale drei Kilometer raus aufs Meer geschippert, wo wir dann allerdings nicht alleine waren. Es tummelten sich dort schon etwa 40 Motorboote, die meisten davon voll besetzt mit kleinen Chinesen. Und jedes Mal, wenn ein Delfin testweise nur kurz mal seine Flosse an die Oerflaeche gehalten hat, haben die ihre Motoren angeschmissen und sind im Affenzahn auf die zu gebrettert. Es war furchtbar. Wir haben zwar kurz ein paar Delfine gesehen, konnten das aber ueberhaupt nicht geniessen. Das war vielleicht das schlechte Gewissen, weil wir auch dort draussen waren. Spaeter haben uns andere Reisende erzaehlt, dass die Delfine allesamt von Narben uebersaeht sind, die ihnen die Motorboote verpasst haben.
Noch am gleichen Tag sind wir zu einer Insel im Nationalpark gefahren, vor der wir prima schnorcheln konnten. Sowas hab ich noch nie gesehen! Direkt vor der Insel lagen in ein bis zwei Metern Tiefe die farbenfrohsten Korallenriffs, die man sich vorstellen kann, und dazwischen sind Fische in allen Farben und Formen froehlich hin und her geduest. Nur ein paar Meter weiter ist dann das Meer abgefallen, wir schwammen quasi direkt ueberm Abgrund. Das war mir ein bisschen gruselig, und ich hab auch nur mal ganz kurz ueber den Abhang geschielt. Wir hatten Glueck und waren mit ein paar Tauchern da. Die sind ab und an mal zu uns hoch geschwommen und haben dabei ganz leicht die Anemonen bewegt – und jedes Mal kam da ein kleiner empoerter Nemo rausgeschossen! Leider haben wir keine Unterwasserkamera, aber zum Glueck gibts ja Google. Und so sah es tatsaechlich aus:
Wenn wir nicht gerade die Unterwasserwelten erkundet haben oder im Ort umher geschlunzt sind, haben wir stundenlang im hoteleigenen Pool (sowas hatten wir ja noch gar nicht!) rumgeplanscht und lustige Fotos geschossen.
 Sam wollte dann auch mal:
 
Und weil ich nach ein paar Tagen schon Hummeln im Hintern hatte und unbedingt die beruehmten Reisfelder sehen wollte, haben wir uns fuer zwei Tage ein Motorrad geliehen und sind damit zumindest schonmal durchs noerdliche Hochland gefahren. Angehalten haben wir nicht nur in so ziemlich jeder zweiten Kurve (‘Sam, halt an, ich muss’n Foto machen!’)…
… sondern auch an heissen Quellen, Wasserfaellen, einem riesigen, Jahrhunderte alten Baum und vielen kleinen Tempeln, die wir durch Zufall vom Strassenrand aus erspaeht haben.
 
Naechste Station auf Bali war das als Kuenstlerdorf bekannte Ubud. Das ist der ein oder anderen vielleicht ein Begriff, denn der komplette ‘Love’-Teil in ‘Eat Pray Love’ spielt hier. Dementsprechend gestaltete sich auch das Klientel; so viele alleinreisende Frauen jeden Alters hab ich noch nie auf einem Haufen gesehen! Alle suchen sie dort ihr Glueck, den ominoesen Medizinmann oder vielleicht sogar ihren Prinzen. Und alle strotzen sie nur so vor Intellekt und innerer Ausgeglichenheit. Es ist schon ein bisschen laecherlich. Das ganze Dorf wirkt wie ein Auffanglager fuer unglueckliche oder geschiedene Frauen (im besten Fall beides) auf der Suche nach sich selbst. Leider haben sie alle nicht nur ihre Yogamatten, sondern auch eine ganze Menge Geld mitgebracht, sodass da alles unglaublich teuer war. Also konnten wir nicht viel machen und sind, anstatt durch Galerien und Museen zu flanieren, einfach den ganzen Tag lang spazieren gegangen. Am Donnerstag haben wir zwoelf Kilometer geschafft, einmal quer durch Ubud und einen Wald voller Affen, durch winzige Doerfer (die im Rahmen des Festivals alle feierlich geschmueckt waren), vorbei an kleinen Reisfeldern und kostenlosen Kunsthoefen und im grossen Bogen zurueck nach Ubud.
Am Donnerstagabend waren wir dann bei einem Poetry Slam. Na das war vielleicht was: Zwoelf Beitraege von Frauen jeden Alters ueber Individualitaet und Spiritualitaet. Und alle haben sie sich selbst und sich gegenseitig in den Himmel gelobt; es sitzen ja schliesslich alle im selben Boot. Gewonnen hat dann der einzige maennliche Teilnehmer. Ein knackiger, muskelbepackter Australier in Basketballuniform, der sich zweieinhalb Minuten lang ohne Unterbrechung ueber die Yogatanten ausgelassen hat. Entweder haben diese Frauen mit ihrer inneren Balance auch ne ordentliche Portion Selbstironie gefunden, oder sie haben’s ganz einfach nicht begrffen. Wir jedenfalls fanden es lustig, und den Abend im Allgemeinen gleichermassen verstoerend wie unterhaltsan. Mein letzter Gedanke vorm Einschlafen war: Egal was passiert, egal wie oft du heiratest und dich wieder scheiden laesst, unter gar keinen Umstaenden darfst du jemals hier in Ubud landen.

Am Freitag fing fuer uns dann ein neues Abenteuer an. Bali ist zwar klein, und prinzipiell kommt man mit Bussen auch ganz gut von einem Ort zum anderen, aber wir wollten auch mal entlegenere Ecken ansteuern und spontan sein koennen. Und so haben wir unser ganzes, in den letzten Monaten hart erworbenes Handlungsgeschick ausgepackt und es tatsaechlich geschafft, ein Auto fuer fuenf Tage zu mieten – zum Preis von 52 Euro. Und das ist er, unser neuer Weggefaehrte:
Also machen wir seit ein paar Tagen einen Roadtrip kreuz und quer durch Bali. Wir haben dutzende toller Tempel gesehen und Zeremonien beobachtet, standen in UNESCO-geschuetzten Reisfeldern und sind von Vulkan zu Vulkan gefahren. Vulkan-Hopping nennt man das; es gibt offenbar fuer alles ein Wort. Um es nicht wieder so ausufern zu lassen wie beim letzten Mal, gibt es die letzten Tage einfach in Bildern.

WO SIND WIR?
 
Das muss ich jetzt aber doch mal kurz kommentieren… Das ist der Gunung Batur, ein 1.152 Meter hoher Vulkan, der, wie man unschwer erkennen kann, aktiv ist. Den letzten grossen Ausbruch gab es 1994, und man sieht immer noch ganz genau, wo die Lava lang geflossen ist, weil da naemlich ganz einfach nichts mehr waechst. Wir beide und unser neuer Freund (das Auto) kommen also gut gelaunt im oestlichen Hochland an, sehen den Vulkan, freuen uns und beschliessen, fuer eine Nacht in der Naehe zu bleiben. Leider biegen wir falsch ab und stehen nach zwanzigminuetiger Serpentinenfahrt auf einmal mitten im tiefschwarzen Lavafeld. Als wir umdrehen wollen, steht hinter uns ein Jeep und versperrt uns den Rueckweg, also haben wir keine Wahl und muessen geradeaus. Anderthalb Stunden lang haben wir uns und unseren tapferen Gefaehrten durch die gruselige Landschaft gesteuert, immer aufs Festhalten und Steinbrockenausweichen konzentriert. Mehr als ein gelegentliches ‘whooaaaa’ hab ich wohl nicht zustande gekriegt, und von Sam kam auch nicht viel mehr als ‘This is fucking Mordor!’. 
In der Abenddaemmerung sind wir in dann in einem winzigen Doerfchen am Fusse des Vulkans gelandet, wo wir zum Glueck auch eine Bleibe gefunden haben. Viel laenger als eine Nacht wollte ich aber nicht unbedingt neben einem aktiven Vulkan verbringen, und so ging es Sonntag schon frueh um sechs wieder an Bord. Und jetzt sind wir an der Kueste im Sueden, um mal wieder ein bisschen Meerluft zu schnuppern. 
Das Auto haben wir noch bis Mittwoch verlaengert, und danach werden wir wohl fuer ein paar Tage zu den Gili Inseln fahren. Dort gibt es keine Strassen oder Fahrzeuge, sondern nur Pferde, und somit hoffentlich auch kein einziges Geraeusch abgesehen vom Meeresrauschen. Wir nehmen nen Hucken Buecher mit und werden tagelang nichts anderes machen als abwechselnd zu lesen und zu schnorcheln und zu essen und wieder zu lesen. Das stell ich mir prima vor! Auf dem Rueckweg machen wir vielleicht noch kurz auf Lombok halt und dann haben wir noch ein paar Tage hier, bevor wir am 18. Februar nach Singapur fliegen. Unsere letzte Station in Asien, dann ist ein halbes Jahr rum…

Macht die Augen zu, ihr Lieben, denkt an immergruene Palmenwaelder und Reisfelder und stellt euch vor, ich steh da mittendrin und wink euch froehlich zu. Seid lieb umarmt und lasst euch vom Winter nicht unterkriegen. Bis bald!