Wie ihr an den Bildern unschwer erkennen koennt, drehte sich seit meinem letzten Lebenszeichen so ziemlich alles um Meer und Sonnenuntergaenge. Nachdem wir in den ersten anderthalb Wochen das komplette Kulturprogramm durchlaufen hatten, habe wir die letzten 12 Tage eben fuer Erholungsurlaub genutzt.
Mit unserem Jeep ging es von Padangbai erstmal weiter nach Kuta. Da diese komische Stadt als Ballermann fuer Australier gilt (und es ist wirklich nicht zu uebersehen, warum), wollten wir da gar nicht viel Zeit verbringen. Aber da wir den meistfotografiertesten Tempel Balis, Pura Tanah Lot, natuerlich selbst auch mal knippsen wollten, und das auch noch bei Sonnenuntergang, mussten wir da wohl oder uebel zumindest eine Nacht bleiben. Die Hauptstrasse in Strandnaehe hat mit ihren Klamotten- und Souvenirshops fast schmerzvoll an Koh Samui erinnert, fette Australier sind oberkoerperfrei und bruellend von Bar zu Bar gewankt und obendrauf war's auch noch schweineteuer. Gelohnt hat sich's dann aber trotzdem, eben weil wir so einen tollen Sonnenuntergang bei besagtem Tempel abgekriegt haben.
Von Kuta ging es letzten Mittwoch dann zurueck ins Frauencamp Ubud, weil wir unseren Jeep wieder abgeben mussten. Die Weiterreise, dann ja wieder per Shuttlebus, konnten wir allerdings erst fuer den naechsten Morgen buchen, und so mussten wir auch dort widerwillig noch eine Nacht verbringen. Die Vorfreude auf unser naechstes Ziel hat jedoch fuer alles entschaedigt, schliesslich wollten wir zu den Gili Inseln! Das sind drei klitzekleine Insel zwischen Bali und Lombok, und obwohl sie nur knapp 30 Kilometer von Balis Hafenstadt entfernt sind, kann man fuer die Anreise schon mal dreizehn Stunden brauchen, so wie wir. Von Ubud ging es um sieben mit dem Bus wieder nach Padangbai, wo wir unsere Faehre verpasst haben, weil der Busfahrer unterwegs zweimal pinkeln musste. Mit der naechsten Faehre sind wir dann vier Stunden lang nach Lembar, der Hafenstadt Lomboks, gefahren. Der Wellengang war zwischenzeitlich so beachtlich, dass ich auf meinem Plastestuhl auf dem oberen Deck von einer Seite zur anderen schlittern konnte (dass das ueberhaupt geht, hat der Plastikstuhl ohne meine Zustimmung herausgefunden, als ich gerade auf ihm eingeschlummert war). Von Lembar mussten wir mit einem Bus weiter Richtung Norden, zum kleinen Hafen in Bangsal. Wegen Strassenbauarbeiten hat diese Fahrt dreieinhalb Stunden gedauert, in denen wir mehrfach von Affen attackiert worden sind, weil die daemlichen Niederlaender in unserem Bus denen mit Bananen zugewunken haben. Das einzige Fenster, das sich nicht schliessen liess, war dann uebrigens meins. In Bangsal haben sie uns dann warten lassen bis zur Daemmerung, bis man uns ein kleines Boot schickte. Leider haben wir uns waehrend dieser Wartezeit bequatschen lassen und unser Rueckfahrticket bei einer Transportgesellschaft namens Haman Tours gekauft, gleich mit allen Booten und Bussen, direkt bis zurueck nach Kuta. (Da mussten wir naemlich wieder hin, weil wir fuer unser neuseelaendisches Visum vorweisen mussten, dass wir trotz sechs Monaten in Asien tuberkulosefrei sind. Und das einzige Krankenhaus auf Bali, dass dafuer befaehigt ist, liegt nun mal in Kuta.) Obwohl schon wieder nichts geklappt hat wie geplant und wir nach elf Stunden immer noch nicht am Ziel waren, haben wir uns gut gelaunt mit unseren Rueckfahrttickets zugewedelt und konnten dann schliesslich, kurz nach sechs, in ein kleines Boot huepfen. Ursprunglich hatten wir Gili Trawangan angepeilt, das ist die Groesste der drei Inseln und soll wohl sehr schoen und vor allem ruhig sein, und darauf kam es uns ja an. Als wir aber herausgefunden haben, dass ausnahmslos alle der etwa 30 Leute (von denen die Haelfte zugeloetete Australier waren) in unserem Boot auch dahin wollten, haben wir das Ruder spontan rumgerissen und uns einfach schon auf Gili Air absetzen lassen. Und etwas Besseres haette uns tatsaechlich nicht passieren koennen. Bei einsetzender Dunkelheit sind wir die Ostseite der 500x500 Meter grossen Insel hochgesprintet, um noch fix einen Schlafplatz zu finden. Und dann haben wir einen richtigen Volltreffer gelandet. Das hier, liebe Leute, war unser Haus:
Und ich meine damit nicht, dass wir ein Zimmer in diesem Traumhaus hatten – nein, es war alles unsers! Und das fuer zwoelf Euro pro Nacht! Das Haeuslein steht auf dem Grundstueck einer ganz tollen Familie, die von dem ganzen Touri-Kommerz nicht viel haelt. "Sucht euch aus, was ihr bezahlen wollt", haben sie gesagt. Ich war vor lauter Freude ganz sprachlos. Dieser Zustand sollte sich noch intensivieren, als das Familienoberhaupt in Form eines schoenen Mannes vor der Tuer stand, um uns Willkommen zu heissen. Da stand ich stramm wie ein Zinnsoldat und hab vor lauter Schreck keinen Pieps mehr rausgekriegt. Sam, der sich zwischen Fremdscham und Belustigung nicht entscheiden konnte, hat die Situation dann ganz souveraen gerettet und ihn mit Fragen zu Haus und Garten ueberhaeuft. Irgendwann hab ich dann auch meinen Verstand wiedergefunden, und von da an lebten wir gluecklich und zufrieden, bis zum Ende der sechs Tage auf Gili Air.
Gleich am naechsten Tag waren wir schnorcheln, und nach nicht mal zwei Minuten kam schon eine Schildkroete vorbei geschossen und hat sich stolz praesentiert. Tatsaechlich hatten wir jedes Mal so ein Riesenglueck, diese Gili-Air-Schildkroeten sind ganz offensichtlich alles andere als schuechtern. Ich fands grosse Klasse, und Sam hat sich ueberhaupt nicht wieder eingekriegt. Sechs Mal war er schnorcheln, und insgesamt neun Schildkroeten hat er gesehen.
Wenn wir nicht durch das klarste Wasser der Welt geschnorchelt sind, haben wir meistens gelesen. Am Strand, auf unserer Terasse, in Haengematten von Restaurants. Oder wir sind spazieren gegangen...
Es war paradiesisch. Einziges Manko waehrend dieser Zeit waren die Abende. Denn sowie es dunkel wurde, kamen die Monsterkaefer aus ihrem Versteck. Abend fuer Abend wurden wir attackiert, und als mir schliesslich ein faustgrosser Kaefer an den Kopf geknattert ist, bin ich fast in Ohnmacht gefallen. Vielleicht hab ich auch ganz kurz gequiekt. Jedenfalls kam der schmucke Laas zu uns rueber, um mir ganz geduldig zu erklaeren, dass diese Kaefer wirklich nicht gefaehrlich sind. Na das kenn ich ja von zu Hause schon. Ich weiss ja, dass ich groesser bin als Spinnen und auch als diese missratenen Kaefer, ich hab aber trotzdem mehr Angst vor denen als die vor mir. Na irgendwie haben wir uns dann verquatscht, Laas fragte nach Bier und Zigaretten, Sam spielte Gastgeber und ich hab mich pudelwohl gefuehlt. Wir haben die halbe Nacht lang erzaehlt, vorwiegend ueber sein Leben. Ihr glaubt nicht, was ein Mensch ertragen kann. Als Baby entfuehrt, dann jahrelang misshandelt, als Hilfskraft ausgenutzt, unbezahlt natuerlich, hat er Mitte 20 Touristen aus Geldnot Touristen ueberfallen, was er heute noch nicht ohne Traenen in den Augen erzaehlen kann. Dann hat er seine Frau kennengelernt und auch Magie fuer sich entdeckt. Jetzt ist er 37 und hat ein riesiges Grundstueck, finanziert durch Sportwetten. Von dem Geld will er aber nichts wissen, das verdirbt den Charakter, sagt er. Er kauft sich selten was, seine Frau ist der Finanzverwalter. Die ganze Insel kennt ihn, sieht ihn als Helden, denn mit dem Geld, was er nicht will, kauft er den Dorfbewohnern Ausstattung fuer ihre Geschaefte, Tiere oder sogar Grundstuecke. Auch seinen Peinigern greift er finanziell unter die Arme. Als ich ihn frage, wie um alles in der Welt er das anstellt, kommen wir auf seinen Glauben zu sprechen. Stundenlang erklaert er uns die Grundsaetze des Islam (aber nicht so wie im Nahen Osten, das betont er immer wieder). Wir mussten uns manchmal schon ein schmunzeln verkneifen, aber es ist doch beeindruckend, wieviel dieser Islam mit dem allgemeinen Verstaendnis vom Zusammenleben gemein hat. Wenn ich mehr Elan haette und mich der Marmorboden nicht so endlos nerven wuerde, dann wuerde ich das alles ein bisschen mehr ausfuehren. Vielleicht schreib ich ja wirklich mal ein Buch. Irgendwann weit nach Mitternacht verabschiedete sich Laas dann jedenfalls, aber nicht ohne uns noch schnell auf die beiden blonden Geister hinzuweisen, die hinter unserem Haus wohnen. Sie sehen wohl aus wie Schwedinnen und passen auf das Haeuschen auf, weil dort immer mal Weisse wohnen. So aufmerksam das von den beiden ist, ich gab mir trotzdem alle Muehe, das ganz schnell wieder zu vergessen.
Nach sechs wunderbaren Tagen auf dieser Trauminsel, auf der sich ausser uns kaum Touristen tummelten, mussten wir am Dienstag schweren Herzens unsere Sachen packen und uns von unserer Gastfamilie verabschieden. Wir hatten fuer Mittwochfrueh einen Termin im Krankenhaus, und den Sueden von Bali wollten wir ja auch noch sehen.
Und sowie wir den Fuss ins Boot gesetzt haben, war die Kacke schon wieder am dampfen. Es stellte sich heraus, dass unsere Rueckfahrtickets nicht gueltig waren, wohl kaum fuer die Faehre und schon ueberhaupt nicht bis nach Kuta. Dummerweise trafen wir durch Zufall die Deppen von Haman Tours am Busterminal in Bangsal, und da hats richtig gekracht. Als die uns dann noch als Luegner hinstellen wollten, haben wir auch den letzten Rest Selbstbeherrschung verloren. Erst als wir kurz vor einer Pruegelei standen (so geladen wie ich war, haett ich wohl erst eins aufn Turm kriegen muessen, um wieder zu mir zu finden), haben andere eingegriffen und uns dann nachdruecklich vor Haman Tours gewarnt. War ja jetzt aber auch zu spaet. Viel gebracht hat's zwar nichts, aber zumindest haben wir dem ganzen angestauten Aerger ueber saemtliche Touri-Verarsch-Aktionen und das Zwei-Preise-System (Weisse bezahlen ja grundsaetzlich mehr, ueberall) mal ordentlich Luft machen koennen. Irgendwie haben wir's dann auch zurueck nach Bali geschafft, und sogar auch nach Kuta, sodass wir am Mittwoch dann wie geplant unsere Roentgenaufnahmen machen lassen konnten.
Danach haben wir uns zum letzten Mal ein Motorrad unter den Hintern geschnallt, mit dem wir drei Tage lang den Sueden erkundet haben. Unterwegs dorthin, in einer Stadt namens Jimbaran, wurden wir an einer Ampelkreuzung von der Polizei rausgewunken. Man erklaerte uns dann unvermittelt, dass wir mit dem Vorderreifen auf einem Zebrastreifen standen und nun 500.000 Rupiah Strafe zahlen muessten. In einem Land, in dem jeder faehrt wie er will und Regeln nur als Vorschlag angesehen werden, in dem einem achtjaehrige auf Motorrollern in der Einbahnstrasse entgegenkommen und aus zwei Spuren schnell auch mal vier werden koennen – hier sollten wir also 50 Euro bezahlen, weil wir an der Ampel einen Zebrastreifen streiften. Wer malt denn ueberhaupt nen Zebrastreifen vor ne Ampel?! Natuerlich haben wir diskutiert ohne Ende, aber es war nichts zu machen. Die beiden netten Beamten hatten auch kein Problem damit ganz offen zuzugeben, dass sie eigentlich nur Weisse aus dem Verkehr ziehen. Wir habens ja. Eins sag ich euch: Ich war froh, dass wir uns am Tag vorher schon bei den Idioten auf Lombok ausgetobt hatten, sonst haett ich mich wohl vergessen. Sam hat dann schliesslich die Frage der Fragen gestellt – wieviel Geld sie haben wollen, um zu vergessen, dass sie uns gesehen hatten. Und so sind wir mit 20 Euro Schmiergeld davon gekommen. Zwanzig Euro. Ein ganzer Reisetag. Als wir die dann ausgetuetet hatten, sollten wir so schnell wie moeglich abdampfen. 'Ist doch aber rot', hab ich gesagt. 'Ja, aber wir erlauben es euch jetzt.' Vielleicht laeuft das hier so wie bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben. Wirste beim Schwarzfahren erwischt, musste 40 Euro blaettern, darfst dafuer aber noch 45 Minuten ohne Fahrschein weiterfahren. Wirste auf Bali auf nem Zebrastreifen erwischt, musste 20 Euro bezahlen, darfst dafuer aber 45 Minuten ueber rot fahren und auf so vielen Zebrastreifen stehen wie du willst.
Auf der Suche nach guter Laune haben wir dann an verschiedenen Straenden halt gemacht, und tatsaechlich sind wir dank dem tuerkisblauen Wasser ganz schnell wieder auf andere Gedanken gekommen...
Am Donnerstagabend waren wir beim Ulu Watu Tempel ganz im Sueden Balis. Da haben wir mit Aeffchen gespielt, russische Touristen ausgelacht und nochmal einen schoenen Sonnenuntergang erwischt, unseren letzten auf Bali.
Und da hat sich dann auch ein bisschen Melancholie gemeldet... Es faellt mir echt schwer zu begreifen, dass Asien jetzt fast hinter uns liegt. Das halbe Jahr wirkt wie ein Traum, und wenn wir uns die Fotos ansehen, koennen wir selbst schon kaum mehr glauben, dass wir das alles wirklich gesehen und erlebt haben. Manchmal geht mir der Hintern schon ganz schoen auf Grundeis, wenn ich daran denke, dass jetzt nur noch fuenf Tage in Singapur und drei Monate in Neuseeland kommen, bevor es dann wieder nach Hause geht... Ausserdem aergere ich mich tierisch, dass ich mir nicht auch selbst aus jedem Land Postkarten geschickt hab. Wuerde sich denn jemand bereit erklaeren, seine Sammlung abzutreten, wenn ich wieder da bin?
So. Ich werde es mir jetzt auf meinem Marmorboden so richtig gemuetlich machen (das heisst, ich puste jetzt mein Reisekissen auf), und dann fliegen wir ja in ein paar Stunden schon. Ich melde mich dann aus Neuseeland wieder. Der Flug nach Auckland geht Dienstagabend, wo wir von Sams Onkel vom Flughafen abgeholt werden. Bei ihm und seiner Familie werden wir ungefaehr eine Woche bleiben, bis wir ein Auto und einen Plan haben... Also dann, ihr Lieben. Ich drueck euch mit Schwung und schick euch liebste Gruesse!
Ja, ich nochmal.
Ich bin beim Hochladen eingeschlafen. Jetzt sind wir schon in Singapur. Hier ist es laut und aufregend und gross und sehr westlich, aber wir sind ein bisschen zu verpeilt, um das gebuehrend anzuerkennen. Alles, was mir fast schwindelerregend klar im Bewusstsein klebt, sind die Preise. Fuer eine Uebernachtung in einer echten Absteige, nach der wir auch noch drei Stunden suchen mussten, bezahlen wir 40 Euro. Mit Wehmut denk ich an unsere drei-Euro-Bungalows in Laos zurueck... Aber morgen stuerzen wir uns ausgeschlafen ins Grossstadtleben, viel Zeit zum Vertroedeln bleibt uns hier ja nicht. Um den Eindruck von mir als Trauerkloss ein bisschen zu relativieren: Ich freu mich riesig auf ein paar Ruhetage in Neuseeland, auf ein Haus mit grosser Familie, auf eine Waschmaschine und eine Flasche Wein, auf eine Woche ohne packen und vor allem, und das steht ganz oben auf der Liste, auf ein Land, in dem jeder das Gleiche fuer Bus, Essen und Sehenswuerdigkeiten bezahlt. In diesem Sinne, hurra und bis bald!
