Montag, 19. März 2012

Die Camper

Hallo liebe Leute! Gute Nachricht voran: Wir sind gar keine Langweiler mehr! Juchu! Ihr glaubt nicht, was man hier in Neuseeland alles sehen und erleben kann. Wir haben seit letztem Montag 1.280 Kilometer zurueckgelegt und sind jetzt rundum gluecklicher Camper. Vorher hatten wir aber noch ein bisschen Zeit in Auckland, und um moeglichst schnell zur Fortsetzung unserer Reiseabenteuer zu kommen, gibt's die Rumdoedelei im Schnelldurchlauf:
Tatsaechlich haben wir seit meiner letzten Meldung noch eine ganze Woche in Auckland gefaulenzt und das ganz normale Leben in vollen Zuegen genossen. Wir haben die Kinder bespasst, jeden Abend in Familienrunde gegessen und ganz schoen viel ferngesehen. Aber ab und an waren wir auch aktiv, zum Beispiel haben wir wie angekuendigt den Vulkan One Tree Hill bestiegen. Wenn ich Vulkan sage, dann duerft ihr allerdings nicht an so einen wie auf Java denken – die Vulkane hier in der Region sind alle ganz mini. Eine tolle Aussicht hatten wir trotzdem und so konnten wir bei Sonnenschein und umzingelt von tausend Schafen das schoene Auckland bewundern.

Ausserdem waren wir auch noch segeln, und das war echt der Kracher! Jo's Papa hat ein eigenes Segelboot, das in Aucklands Hafen liegt, und damit sind wir bei strahlend blauem Himmel aufs Meer hinaus geschippert. Wir waren noch keine fuenf Minuten unterwegs, da hatt ich schon mein erstes Glas Wein in der Hand, und da sich Sam als Captain ernannt hat und sich die Gespraeche um so Sachen wie Rugby gedreht haben, hatte ich mal meine Ruhe und konnte die Aussicht geniessen. Ich hab sogar zwei Pinguine gesehen, aber weil die schnell waren wie der Blitz, konnt ich leider keine Fotos machen.

Am Freitag vor unserem Aufbruch haben uns zwei Freunde von Andy auf ihre Kneipentour mitgenommen... Mit Tour war dann aber nicht viel, weil wir schon in der ersten Bar versackt sind. Da ein Bier allerdings acht Euro gekostet und sich das Portemonaie in meiner Hosentasche deshalb regelmaessig uebergeben hat, haben wir's nicht uebertrieben. Vorerst jedenfalls. In der zweiten und letzten Bar des Abends ging dann irgendwie alles aufs Haus oder auf die Jungs, naja, und so sind wir dann letztlich doch mit drei Achte aufm Kessel im Taxi nach Hause gefahren. Besonders erwaehnenswert an dieser Geschichte ist dabei der Ausweis des Taxifahrers, wegen dem ich wohl ausdauernd vor mich hingekichert haben soll.

Das Wochenende haben wir dann genutzt, um uns auszukurieren und letzte Reisevorbereitungen zu treffen. Wir haben alles an Isomatten rangeschaufelt, was wir autreiben konnten, und uns Vorhaenge aus alten Bettlaken und kleinen Plastikhaken gebastelt. Und dann hiess es auch endlich mal wieder Sachen packen. Jo hat uns mit Grundnahrungsmitteln ausgestattet, und Andy hat uns seine komplette Campingausruestung vermacht. Damit konnten wir am Montag getrost wieder ins Ungewisse starten.

Schon nach kurzer Zeit war klar: Neuseeland ist der absolute Oberhammer. Wir haben ja wirklich schon viel gesehen, aber was es hier an Natuerschoenheiten zu sehen gibt, und das ja quasi hinter jeder Strassenecke, das ist mit Worten schwer zu beschreiben. Deswegen gibt's heute besonders viele Fotos (aber nicht unbedingt weniger Worte – sorry!)
Die erste Teilstrecke fuehrte uns bis nach Whangarei, 160 Kilometer noerdlich von Auckland. Eigentlich wollten wir es weiter schaffen, aber es ist in Neuseeland nicht sehr einfach, sich an Zeitplaene zu halten – es gibt einfach staendig was zu bestaunen. Hier eine Bucht, da ein kleiner Felsvorsprung... So kriegt man den Nachmittag auch rum. Ausserdem mussten wir ja unseren Zeltplatz sorgfaeltig auswaehlen und erkunden.
Und das ist unser allererster Tag als frischgebackene Camper in Bildern:

An so ein Camperleben muss man sich aber auch erstmal gewoehnen, vor allem was bequeme Schlafpositionen und das Verstauen des Bordinventars angeht. Viel Platz haben wir ja nicht. Mittlerweile schlafen wir aber prima in diesem Auto (obwohl es manchmal ein bisschen kalt ist), und ausserdem sind wir jetzt Profis im Sachen hin- und herraeumen. Alles hat nun tagsueber seinen festen Platz, und abends stapeln wir das Ganze in ausgekluegelter Reihenfolge auf die Vordersitze. Klamotten befinden sich in verschiedenfarbigen Plastetueten, die Vorhaenge werden in den Hintertueren verstaut, Kuehltasche gehoert hinter den Beifahrersitz - und wenn nicht alles wieder da landet, wo es herkam, gibt's gleich welche auf die Zwoelf. Suchaktionen in einem Auto voller Zeug koennen sich naemlich wirklich hinziehen. Sam hatte zwischenzeitlich schon mal Kofferraumverbot.

Am Dienstag ging es weiter noerdlich zur Bay of Islands. Wir hatten uns allerdings fuer einen Umweg entschieden und sind so statt aufm Highway direkt an der Kueste entlang geduest. Obwohl das bedeutend laenger gedauert hat, haben wir's nicht eine Sekunde lang bereut.
Mittagspause in der Helena Bay

Am Nachmittag haben wir uns in Russel eingenistet, einem klitzekleinen Staedtchen inmitten der Bay of Islands, das mich an einen dieser huebschen Orte an der Ostsee erinnert hat.
Tuk Tuk gefunden!
Da sassen wir dann stundenlang mit Billigeis ausm Supermarkt am Pier, haben Prospekte inspiziert und Boote beobachtet. Eigentlich kommt man naemlich in diese Bay, um Tagesausfluege per Boot zu unternehmen, und meistens garantieren die Anbieter sogar das Aufspueren von Delfinen. Leider war das aber eben ganz schoen teuer, und weil hier sowieso alles echt teuer ist und wir ganz schoen in die Roehre gucken, haben wir uns dagegen entschieden.
Spaeter haben wir uns gefragt wie bloed wir eigentlich sind – wie viele Gelegenheiten bieten sich einem denn fuer sowas? Am naechsten Morgen um neun sassen wir auf einem Boot, zehn Minuten spaeter waren Delfine in Sicht. Und damit meine ich nicht so traumatisierte Delfine wie vor Bali, von denen wir aus 30 Metern Entfernung zwei Mal die Rueckenflosse gesehen haben. Ich meine sowas:

Koennt ihr euch vorstellen wie sich das anfuehlt, wenn drei bis vier Meter grosse Delfine an einem vorbei huepfen? Das ist ein Gluecksgefuehl, das einen in Regungslosigkeit versetzt, und man hat ganz viel Gaensehaut und auch ein bisschen Pipi in den Augen. So war das.
Nachdem wir uns dann schweren Herzens von den Delfinen verabschiedet haben, sind wir noch ganze drei Stunden bei gewaltigem Wellengang durch die Bucht geschunkelt. Zum Glueck haben unsere Sitznachbarn ihre Reisetabletten mit uns geteilt, sonst waer es uns wohl aehnlich ergangen wie den anderen 12 (!) Passagieren, die an der hinteren Reling um die Wette gereihert haben. Nach ner Weile gings dann wieder, und wir konnten uns die huebschen Insel noch aus der Naehe angucken.

Immer noch bezaubert von der Delfin-Begegnung sassen wir gegen Mittag wieder in unserem Auto. Ganz fix haben wir noch an der aeltsten Kirche Neuseelands Halt gemacht...
...bevor wir dann mit der wohl kleinsten Autofaehre des Landes ganze sechs Minuten lang zurueck zum Festland (wenn man es denn so nennen kann) gefahren sind.
Und guckt mal, was wir wenig spaeter fuer ein tolles Klo gefunden haben! Da kam ja direkt ein bisschen Heimatgefuehl auf...
Weil wir aber immer noch nicht genug hatten, sind wir am Nachmittag noch nach Waitangi gefahren, dem 'Geburtsort' von Neuseeland. Hier in diesem Haus wurde 1840 der Vertrag von Waitangi unterzeichnet, der das britische Recht in Neuseeland geltend machte – oder so aehnlich, das kommt ganz drauf an, welche der beiden Versionen man liest.
Die Geschichte Neuseelands erinnert verdaechtig an die Amerikas: Die Englaender kommen angeschippert, finden's ganz nett, bringen beim naechsten Besuch ein paar Waffen und drei Politiker mit und machen aus der Neuentdeckung eine englische Kolonie. Leider wurde der Kolonialvertrag im Falle Neuseelands von beiden Seiten etwas unterschiedlich interpretiert. Die Maori-Version verspricht den Maori, dass sie ihre Regierungsgewalt zumindest auf lokaler Ebene nicht verlieren wuerden. Die britische Version legt allerdings fest, dass saemtliche Regierungsgewalt an die Englaender uebergeht, und im Austausch dafuer wuerden sie die Maori grosszuegigerweise als gleichberechtigt behandeln (mangelt ja an sich schon mal an Logik). Naja, das nenn ich jedenfalls mal ein Missverstaendnis. Natuerlich fuehlten sich die Maori verarscht, jahrzehntelang folgten immer wieder Kaempfe um die Unabhaengigkeit, aber Hopfen und Malz waren laengst verloren.
Die heutige Regierung bemueht sich redlich um die Integration der Maori, es gibt zum Beispiel ein Gesetz, dass graduierten Maori einen Job verspricht. Wenn sich also 20 Medizinstudenten auf eine Arztstelle bewerben, dann muss der Maoriarzt den Job kriegen, ganz egal ob die anderen 19 Bewerber bessere Abschluesse haben.
Die meisten Maori aber kaempfen nach wie vor darum ihre Kultur zu bewahren, was sich in der nun westlichen Welt Neuseelands als nicht ganz einfach darstellt. Umso genauer wird darauf geachtet sich nicht unter den Rest der Bevoelkerung zu mischen. Sie sprechen ihre eigene Sprache (muessen aber auch englisch lernen), es gibt Maori-Schulen und Maori-Fernsehsender.
Uebrigens leben in Neuseeland etwa 4,5 Millionen Menschen, wovon sich 15 Prozent zu den Maori zaehlen. Von dem Rest, der sich selbst Kiwi nennt und ein erstaunliches Nationalbewusstsein hat, sind etwa 25 Prozent gar keine gebuertigen Neuseelaender, sondern Einwanderer aus England und Irland, den Pazifischen Inseln, Nordostasien und Australien. Und der Big Boss von Neuseeland ist die Queen.
So, jetzt seid ihr im Bilde. Also zurueck zu uns und unserem Besuch auf dem Vertragsgelaende. Das besagte Haus wurde 1989 ordentlich aufgemoebelt und als Touri-Attraktion hergerichtet. Und gleich nebenan wurde Mitte des 20. Jahrhunderts ein Maori-Vertragshaus errichtet, das die enge Verbindung zwischen Ureinwohnern und Einwanderern symbolisieren soll. Haette man sich quasi klemmen koennen.
Am Donnerstag haben wir es immerhin bis 20 Kilometer vor die Nordspitze geschafft. Zum zweiten Mal in unserem kurzen Camperdasein haben wir einen Zeltplatz gefunden, auf dem wir die Einzigen waren. Das find ich immer am schoensten, weil sich's dann wie Einsiedelei anfuehlt, und ich hab nach wie vor keine Lust auf Reise-Small-Talk. Hinzu kommt, dass etwa 80 Prozent der Umherreisenden aus Deutschland kommen!
Die Autofahrt war wieder der Kracher, Neuseeland ist wie riesiges Ueberraschungsei. Und es sieht hier tatsaechlich alles so aus wie in den Herr der Ringe Filmen – dichte immergruene Waelder wechseln sich ab mit endlosen Wiesen und Feldern, die die vielen Vulkanhuegel ueberziehen wie flauschige Teppiche. Man muss quasi jeden Moment damit rechnen, dass Legolas ausm Busch geschossen kommt - und wir haben ja noch nicht mal die eigentliche Berge gesehen!
Und dann sind wir gerade eine Kuestenstrasse entlang gefahren, als wir aus dem Augenwinkel einen weissen Streifen wahrgenommen haben. Achtu, Tsunami? Schnell in der naechsten Kurve angehalten und rangezoomt: Keine Welle, sondern schneeweisser Sand!
Das war allerdings nicht das einzige Sandwunder des Tages. Guckt euch das hier mal an!
Da standen wir auf einmal in riesigen Sandduenen! Wie kommen die denn da hin? Sam, die verrueckte Nudel, ist gleich die groesste Duene hochgeklettert, die er finden konnte. Ich hab mich mit den Kleinen begnuegt.
Am Freitag, vier Tage nach Reisestart, haben wir endlich unser Ziel erreicht: Cape Reinga, der noerdlichste Punkt Neuseelands, an dem die Tasmansee und der Pazifik aufeinanderprallen. An Orten wie diesen kommt man sich ganz schoen klein vor, das kann ich euch fluestern. Und ich hab noch nienieniemals eine schoenere Aussicht gehabt.
Manchmal komm ich mir vor wie der Typ aus der Truman Show – staendig drauf gefasst jeden Moment gegen ne Fotowand zu laufen. Wir haben zwei Stunden beim Leuchtturm verbracht, die kollidierenden Meere beobachtet und uns am Leben erfreut. Das kann man hier naemlich wirklich gut.
Auf dem Rueckweg haben wir nochmal an den Sandduenen angehalten, schliesslich wollt ich's auch mal versuchen.
Also eins sag ich euch, das war die erste und letzte Duene, die ich jemals hochgekrackselt bin. Zum Einen kann ich Sand ja sowieso nicht besonders leiden, und zum Zweiten hatt ich noch 30 Minuten spaeter mit Schnappatmung zu kaempfen. Wieder runter war dann viel lustiger.
Ganz langsam haben wir uns dann wieder Richtung Sueden vorgearbeitet, diesmal entlang der Westkueste. Die war zwar nicht ganz so spektakulaer wie die Ostkueste, aber ein grosses Highlight gab's dann doch, und zwar den hier:
Das ist Tane Mahuta, mit 51 Metern Hoehe und 14 Metern Umfang der groesste Kauri-Baum der Welt. Er ist geschaetzte 2000 Jahre alt. ZWEITAUSEND Jahre! Wir sind dann noch ein bisschen durch den umliegenden Wald gewandert, der als einer der aeltesten Oekosysteme der Welt gilt. Verrueckt. Es leben auch viele der seltenen Kiwis dort (also die Voegel), aber da die nachtaktiv sind, haben wir leider keinen gesehen. Na das klappt schon nochmal. Das sind ja lustige Viecher, diese Kiwis. Habt ihr vor Augen wie die aussehen? Die haben nicht mal Fluegel, die Schummler! 
  
Tja, und puenktlich zur Unwetterwarnung fuer den Norden sind wir gestern wieder in Auckland eingetrudelt. Leider genau fuenf Minuten zu spaet, um die Segelboote des Volvo Ocean Race nach Brasilien starten zu sehen. Da haben wir uns echt in den Hintern gebissen... Aber man kann schliesslich nicht alles haben.

So. Und eigentlich wollten wir in Auckland nur kurz verschnaufen und morgen frueh in Richtung Suedinsel aufbrechen, aber daraus wird wohl erstmal nichts. Aus der Unwetterwarnung vom Wochenende ist ein ordentliches Hochwasser geworden, und viele Strassen sind jetzt erstmal nicht befahrbar.
In den Nachrichten kamen gerade Bilder aus den Orten, in denen wir unsere Woche verbracht haben. Voellig verrueckt. Das hier zum Beispiel war der huebsche Wasserfall in Whangarei am Dienstag
... und so sieht er heute aus
Und fuer morgen gibts schon ne neue Sturmwarnung. Also bleiben wir erstmal hier und behalten das Wetter im Auge. Wir hoffen, dass wir dann spaetestens Anfang naechster Woche auf der Suedinsel eintreffen, schliesslich wirds da schon langsam Winter, und wir wuerden nur ungern mit Eiszapfen an der Nase aufwachen... 
Also ihr Lieben, damit bin ich durch fuer heute. Geniesst den Fruehling! Viele liebe herbstliche Gruesse und bis bald!