Was haben wir uns aufs Fliegen gefreut! Endlich keine eingequetschten Beine oder Hühner auf dem Schoß, kein Geruckel, keine 45°-Kurven, kein Polizei-Schmieren an der Grenze. Eine Stunde im Flugzeug statt 24 Stunden im Bus. Entsprechend gut gelaunt haben wir uns letzten Mittwoch zum Flughafen begeben, der ja wirklich putzig war.
Die Check-in-Schalter (ganze fünf an der Zahl) waren nicht mehr als Türrahmen aus Holz, die Gepäckwaage stammte aus dem vorletzten Jahrhundert und Anzeigetafeln gab's ganz einfach nicht. Und so kam es auch, dass wir den winzigen Zettel, der unsere Stimmung trüben sollte, erst gesehen haben, als wir nach einer stunde Wartezeit endlich das Ende der Schlange erreichten und vor unserem Türrahmen standen: Flug verspätet, Abflug drei Stunden später. Kacke. Wie sich unschwer erahnen lässt, gab es auf dem Flughafen nicht besonders viel zu tun, um die Zeit totzuschlagen. Also haben wir Spiele erfunden, uns ausgiebig mit einer australischen Auswanderin unterhalten und unser letztes laotisches Geld im Restaurant gegenüber verprasst, wo lustigerweise großen Wert darauf gelegt wurde, die Portionen und sogar die Wasserflaschen an die Größe des Flughafens anzupassen.
Dass auch zur neuen Boardingzeit noch kein Flieger in Sicht war, hat uns nicht überrascht. War aber auch nicht weiter schlimm, wir konnten ja die ganze Zeit rein und raus laufen, wie wir wollten. Und ob wir dann jedes mal ne andere Baby-Wasserflasche im Schlepptau hatten, hat die uniformierten Handgepäckkontrolleure nicht die Bohne interessiert, solange diese Regel hier ausnahmslos befolgt wurde:
Omi und Opi, das heißt, dass diese Gegenstände nur im abgegebenen Gepäck ins Flugzeug dürfen. Hat ja im Handgepäck auch wirklich nichts zu suchen. Nochmal eine Stunde später kam dann ein kleiner Mann und hat mit seiner fiepsigen Stimme verkündet, dass es wahrscheinlich bald los geht. Mittlerweile waren wir ein bisschen unruhig, denn es war schon dunkel und wir hatten in Hanoi ja keine Unterkunft gebucht. Als das Flugzeug dann angerollert kam, war zumindest diese Sorge vorerst vergessen. Wahrscheinlich brauche ich nicht erwähnen, dass auch der Flieger größenmäßig nicht gerade aus der Reihe tanzte. Viel wichtiger war allerdings die Tatsache, dass er zwei Propeller außen dran hatte. Da war ich glatt ein bisschen sprachlos. Dem ein oder anderen ist ja vielleicht bekannt, dass ich nicht unbedingt der größte Fan von Höhen bin (ich erinnere an das traumatische Erlebnis in Bangkok)... Der Stromausfall beim Start hat mein Vertrauen nicht gerade gestärkt.
Zum Glück mussten wir mit unserem fliegenden Zwergenmobil nicht lange durch die Wolken propellern – 45 Minuten später war nämlich das hell erleuchtete Hanoi schon in Sicht! Und von da an lief alles glatt. Wir haben uns am Flughafen schnell zurecht gefunden und saßen nur zwanzig Minuten nach der Landung in einem Minibus, der uns ins 40 Kilometer entfernte Stadtzentrum brachte. Dort mussten wir dann gar nicht lange suchen, bis wir ein Zimmer gefunden hatten, das einem richtigen Hotelzimmer sogar verdächtig nahe kam. Wir hatten nicht nur eine Glasfront vor der Dusche (allein das hätte schon für intensive Glücksgefühle gereicht – normalerweise ist so ein Badezimmer hier ja höchstens zwei Quadratmeter groß), sondern auch einen Kühlschrank, einen Fernseher und am allerbesten: einen Kleiderschrank. Fassungslos vor Glück, aber hungrig wie drei Kälber – auch in Hanoi war nach 23 Uhr offenbar nichts mehr zu holen – sind wir dann eingeschlummert.
Am nächsten Tag haben wir uns mit Schwung ins verrückte Stadtleben gestürzt. Meine Güte, da war vielleicht was los! Auf die knapp vier Millionen Einwohner kommen mindestens drei Millionen Roller. Da aber weder Ampelschaltungen noch allgemeingültige Verkehrsregeln von Bedeutung waren, hat es unwahrscheinlich viel Überwindung gekostet, die Straße zu überqueren. Und diese Roller sind einfach überall!
Ich hab das ganze auch in Videoform gefunden, vielleicht kriegt ihr dadurch einen besseren Eindruck:
Lustigerweise haben wir gleich am ersten Nachmittag den Niederländer wiedergetroffen, mit dem wir in Kambodscha gemeinsam Richtung Süden gereist sind. Der saß da auf einer Bank am See, einfach so, als hätten wir uns verabredet. Freude und Überraschung waren gleichermaßen groß, und so haben wir uns zusammen auf den Weg zu einer der vielen Bier-Ecken gemacht, an denen man auf winzigen Plastikhockern zusammen gepfercht mit dreißig Einheimischen sitzt und das günstigste Bier der Welt trinken kann.
Abends waren wir im Wasserpuppentheater, was echt witzig war. Vor allem, wenn die Puppen ungeplant untergegluckert sind...
Tja und sonst sind wir halt viel rumgelaufen, haben uns Tempel und Märkte angesehen und uns mindestens einmal pro Tag hoffnungslos verlaufen. Das mit der Orientierung ist in Hanoi nicht ganz einfach, denn abgesehen davon, dass alle Straßen in der Altstadt gleich aussehen, ändern sie ihre Namen alle fünfzig Meter. Auf den Stadtplänen gibt es in der Regel aber nur einen Straßennamen pro Straße... Ich denke, das Problem ist offensichtlich.
Außerdem haben wir die Möglichkeiten der Großstadt ausgenutzt, um ein paar angesammelte Wege zu erledigen. Leider ist nicht alles nach Plan verlaufen, sodass wir weiterhin mit einer verdreckten Kamera, einer kaputten Festplatte und meinem kleinen Läppi, der langsam vor sich hin stirbt, durch die Kante ziehen.
Hanoi war laut und bunt und hektisch und aufregend, voller Leben und Abwechslung, aber eben auch anstrengend. Wir hatten vier großartige Tage in Vietnams Hauptstadt, haben aber auch gestrahlt wie Honigkuchenpferde, als wir Montag früh, mit der Halong Bucht vor Augen, im Bus stadtauswärts saßen. Erster Stop: Halong City. Hätten wir uns aber auch klemmen können. Abgesehen vom Kackwetter (wegen Wolken und Nebel und Nieselregen haben wir nichts von der Bucht gesehen) gab es dort absolut nichts zu tun. Wir sind dann ein bisschen am Meer entlang marschiert, haben am Hafen die Weiterreise organisiert und es uns abends mit einer Flasche Bacardi gemütlich gemacht. Außerdem hab ich angefangen, Sam deutsche Weihnachtslieder beizubringen.
| Balko-Aussicht |
Dienstag haben wir uns einer Touri-Gruppe auf einem Boot angeschlossen, um zur Cat-Ba-Insel zu gelangen. Vier Stunden lang sind wir quer durch die Bucht geschippert, vorbei an beeindruckenden Höhlen und schwimmenden Dörfern. Diese Halong Bucht ist berechtigt zum Naturwunder gewählt worden; man kommt aus dem Staunen quasi gar nicht raus. Zwar war das Wetter nicht auf unserer Seite (der erste Regen seit sieben Wochen!), aber irgendwie haben die tiefhängenden Wolken und die ganzen Grautöne der Bucht eine ganz tolle mystische Atmosphäre verliehen.
Die Touri-Gang selbst war ein Mix aus vielen Nationalitäten und eigentlich ganz lustig drauf. Von einem seltendämlichen Niederländer Mitte vierzig abgesehen, der sich ernsthaft darüber lustig gemacht hat, dass wir keine Pauschalreise gebucht haben. Das Ganze fing an, als wir am uns zugeteilten Außenseiter-Tisch unser mitgebrachtes Toastbrot ausgepackt haben, während der blöde Affe und die anderen ihr 20$-Angeber-Mittagessen in sich hinein geschaufelt haben.
Besonders gut verstanden haben wir uns allerdings mit zwei Spaniern, beide Ende dreißig, für die eine Vietnamreise schon immer großer Lebenstraum war. Die konnten sich so gar nicht vorstellen, wie wir unsere Reise organisieren, fanden das aber großartig und wollten unglaublich viel wissen. Backpacking scheint in Spanien also kein großes Thema zu sein.
| Niederländer links, Spanier in der Mitte |
Irgendwann am späten Nachmittag sind wir auf der Insel gestrandet und haben uns dann ganz im Süden auf die Suche nach einem Zimmer begeben, während unter der 15-köpfigen Reisegruppe große Diskussionen ausbrachen, weil sie alle in ein Hotel mit nur fünf Zimmer verfrachtet werden sollten. Tröstlich: Irgendwie werden wir hier alle verarscht. Trotzdem ist der Unterschied zwischen Pauschaltourismus und unserer Reiseart an diesem Tag besonders aufgefallen. Mittlerweile weiß ich aber nicht mehr, warum man für ein Hotelzimmer 45 $ zahlen sollte, wenn man auch für 6 $ alles haben kann, was man braucht. Und ich find es wunderbar, morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, wie der Tag verläuft oder wo wir am nächsten Morgen aufwachen werden... Genauso gut kann ich aber auch verstehen, dass Leute vor allem im Urlaub das Gefühl schätzen, sich um nichts kümmern und sorgen zu müssen. Also jeder wie er will, denkt man sich. Unter Backpackern sieht man die Sache allerdings anders. Alles, was einer Reise mit dem Rucksack nicht ähnelt, ist allgemein ziemlich uncool. Also wird standardmäßig haltlos gegen alle Pauschaltouristen gewettert. Wenn ich ganz ehrlich bin, teile ich mir aber lieber einen Strand mit fünfzig Pärchen in ihrem Jahresurlaub, als mir jeden Tag das pseudointellektuelle Selbstfindungs-Gequatsche der obercoolen Backpacker anzuhören (am allerliebsten hätt ich den Strand aber für uns allein!).
Außerdem heißt 'touristische Gegend' nicht zwangsläufig, dass sich dort ganzjährig viele Touristen tummeln, sondern dass der Tourismus an sich markante Spuren hinterlassen hat. Und dass das auf alle Urlauber zurückzuführen ist, ob nun mit schickem Rollkoffer oder zerfetztem Rucksack, dürfte ja klar sein. Tourismus, egal in welcher Form, bedeutet eben nicht nur wirtschaftlichen Segen. Er verändert die Mentalität der Einheimischen, das haben wir schon oft beobachtet. Während die meisten Menschen in Südostasien freundlich, liebenswert und gastfreundlich sind, sehen sie die weißen Urlauber in Regionen, die in Reiseführern besonders hervorgehoben werden, oft nur als Geldquelle und haben ihre Gier kaum im Griff. Auf der anderen Seite benehmen sich die Touris manchmal wie die letzten Deppen und schaffen es nicht mal, sich an die einfachsten Regeln zu halten. Dass Schultern und Knie in manchen Landesteilen, vor allem aber in den Tempeln aus Religionsgründen nun mal bedeckt sein sollten, ist ja kein Geheimnis. Weil sich aber kaum jemand daran hält, überraschenderweise besonders wenige aus der Fraktion der jungen Individualisten, fühlen die Einheimischen sich selbst und ihren Glauben missachtet – und das in ihrem eigenen Land, in dem die anderen nur Gast sind. Klar, dass das keine Sympathien hervorruft. Leider waren die Leute in Vietnam bisher eher unfreundlich, unehrlich und skeptisch. Ich hoffe, das ändert sich, wenn wir weiter südlich ziehen...
Eine weitere Folge des Touri-Booms ist, dass ganze Straßen und Stadtteile wegen der Riesen-Hotels und nebeneinander aufgereihten westlichen Restaurants austauschbar werden. Das ist uns mal wieder aufgefallen, als wir unseren ersten Abend hier auf der Insel verbracht haben. Die Strandpromenade hätte genauso gut in jedem südeuropäischen Land liegen können.
| Unsere Bucht |
| Unser Hotel |
Um uns ein anderes Bild zu machen und den ganzen Trubel zu umgehen, haben wir sämtliche Reisebüros, die uns Tagestouren andrehen wollten (und sich clevererweise 'Touristeninformationen' nennen), weitläufig gemieden und uns stattdessen ein Motorrad für drei Euro pro Tag gemietet. Damit waren wir dann die letzten zwei Tage unterwegs, auf jeder Straße dieser Insel, mittendurch und einmal drumherum. Hier und da haben wir angehalten und uns ein paar Sachen genauer angesehen, zum Beispiel eine alte Festung, von der aus in den Sechzigern die nahenden Amerikaner abgeschossen wurden. Außer ein paar alten Kanonen war zwar nicht viel übrig, aber die Sicht war der Knaller. Glückspilze die wir sind, haben wir dafür den ersten sonnigen Tag seit Ewigkeiten erwischt.
Buchstäblich im Inselinnern haben wir eine Höhle entdeckt, die während des Vietnam-Krieges als Krankenhaus und Unterschlupf für Soldaten diente. Das war ganz interessant; fragt man sich doch, wie die das angestellt haben, eine dreistöckige Bleibe für 200 Leute mitten in einen Kalksteinfelsen zu zimmern.
Heute waren im Nationalpark und sind dort auf einen 225 Meter hohen Berg geklettert. Über Stock und Stein und rostige Leitern ging es immer höher, bis wir schließlich den halben Park überblicken konnten.
Leider hat sich die Sonne nicht ein einziges Mal blicken lassen, sodass wir uns auf dem Rückweg unserer Motorradtour fast den Hintern abgefroren haben.
| Auch da musste Sam noch hoch... |
| Und da waren wir! |
Leider hat sich die Sonne nicht ein einziges Mal blicken lassen, sodass wir uns auf dem Rückweg unserer Motorradtour fast den Hintern abgefroren haben.
Jetzt lieg ich hier, eingemummelt und mit zitternden Beinen (hallo Muskelkater!) und bereite mich seelisch und moralisch auf morgen vor... Denn morgen geht’s weiter, erst mit dem Bus ans westliche Inselende, dann mit dem Schnellboot nach Haiphong und von dort um 19 Uhr mit dem Nachtbus (zehn Stunden lang) in Richtung Süden. Nur mit Schrecken erinnere ich mich zurück an unseren Nachtbus in Kambodscha... Ich hoffe einfach, es geht ganz schnell vorbei. Noch bin ich ein bisschen unschlüssig, ob ich heute Nacht besonders wenig schlafen sollte, um morgen Abend schrecklich müde zu sein und ganz bestimmt bei jedem Lautstärkepegel einschlafen zu können, oder ob es mehr Sinn macht, heute so viel wie möglich zu schlafen, weil ich bis Samstag kein Auge zu machen werde... Das überleg ich mir noch.
Euch hingegen wünsche ich einen schönen ersten Advent gehabt zu haben, einen guten Start in den letzten Monat in diesem Jahr und ganz viel lecker Schoki im Weihnachtskalender!
Bis bald in alter Frische, fühlt euch lieb gedrückt!
ein herrlicher bericht, tolle fotos, tolle eindrücke.....kann vieles ganz genau nachvollziehen besonders das was du sagst zum thema pauschal und individuell reisen. also zieh dich warm an, trinke heiße zitrone und für morgen abend dann eine gute fahrt. wird schon. und wenn dir die karoke musik im bus einfach zu nervig wird, singe doch einfach mit.....ich drücke euch.
AntwortenLöschenDer ganze Absatz zum Tourismus ist einfach nur wunderbar geschrieben. Find ich gut, wenn ab und zu mal neben Reiseberichten auch - vorsicht jetzt kommt ein pseudowichtiges Wort - reflektiert wird. Prima.
AntwortenLöschenIch schließ mich dem Jan an ... schoen gesagt! LG und weiter gute Reise! Peter
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