Samstag, 26. Mai 2012

Dem Ende entgegen

Hallo ihr Lieben!

Gute Nachtricht voran: Wir muessen nicht mehr sieben Pullover und drei Paar Struempfe anziehen – die kaeltesten Regionen liegen hinter uns, ab jetzt wird's nur noch waermer! Juchu!

Und das waren die letzten zwei Wochen:
Trotz wirklich mieser Wettervorhersage sind wir vorletzten Sonntag bei strahlendem Sonnenschein in die Catlins eingefallen. Dort sind wir allerdings gar nicht weit gekommen, denn nach einer kurzen Wanderung zum Leuchtturm und den dort lebenden Seehunden...

 

... sind wir in einer kleinen Bucht haengen geblieben, in der eine Gelbaugenpinguin-Kolonie zu Hause ist. Also haben wir uns dort zwei Stunden vor Daemmerung in einem kleinen Haeuschen versteckt, und tatsaechlich – schon nach 20 Minuten kam der erste Pingu aus dem Wasser gewackelt, dicht gefolgt von einem Paerchen. Das sah verdaechtig nach Gluecksstraehne aus, und somit sind wir einfach noch zwei Stunden da geblieben. Insgesamt zehn Pinguine haben wir gesehen! Wir haben noch keinen getroffen, dass der ueberbieten konnte! 
 
Aus Mangel an Tageslicht mussten wir dann aber irgendwann die Biege machen, um uns noch fix ein Nachtquartier zu suchen. Gefunden haben wir einen Campingplatz, auf dem ausser uns niemand war. Nicht mal Angestellte. Weil es waermer war als an den Abenden zuvor, haben wir uns dazu entschlossen zur Abwechslung wieder mal im Auto zu schlafen. Das hat auch gut geklappt, bis ich mitten in der Nacht von einem Hoellenlaerm geweckt wurde, der nach ausgelassener Vogel-Party auf unserem Autodach klang. Man spinnt sich ja manchmal auch was zusammen, wenn man so im Halbschlaf ist. Als mir es mir jedoch gelang auch mein Gehirn aufzuwecken, fand ich heraus, dass es sich um Hagel handelte. Oha! Eine Stunde lang lag ich wach und hab mir ohrenzuhaltend ausgemalt, wie unser Auto wohl am naechsten Morgen aussehen wuerde... Entgegen meiner Vermutungen gab es allerdings keine schwerwiegenden Beulen zu verzeichnen, und so konnten wir muede aber gluecklich weiterduesen. Erstes Ziel des Tages war das sogenannte Blow Hole – ein 55 Meter tiefes Loch mitten in einem Schafsfeld, 200 Meter vom Meer entfernt. Was es da macht und wieso es dort ist, hab ich nicht herausgefunden. Auch nicht, warum es ueberhaupt Blow Hole heisst. Aber es war trotzdem schoen.
 
Leider ging es von da an rapide bergab mit unseren Plaenen, sodass ich eigentlich nur von Sachen berichten kann, die wir nicht gesehen haben.
  • Eine Stunde Strandwanderung bei Regen zu Seeloewen-Aufspuerungs-Zwecken – kein Seeloewe weit und breit
  • ein beruehmter zu einem Museum umfunktionierter Bus – wegen Winter geschlossen
  • Wasserfaelle – haben wir uebersprungen, weil wir uns beeilen mussten, um zur Ebbe bei den Cathedral Caves zu sein (das sind riesige Felshoehlen, in die man nur bei Ebbe betreten kann und die als DAS Highlight in den Catlins gelten)
  • Cathedral Caves – oh man. Der Zugang zu diesen Hoehlen liegt auf einem Privatgelaende, das per Tor verschlossen ist und nur genau zur Ebbezeit fuer Besucher geoeffnet wird. Ausser am 13. Mai, da hatte scheinbar niemand Schluesseldienst. Auch nach einer Stunde Warten blieb das Tor zu, und wir konnten wieder abdampfen.
So ein Kack. Weil mit Grumel Griesgram auf dem Fahrersitz dann nicht besonders viel anzufangen war und sich meine Laune auch nicht ueber die Kellerebene hinaus bewegen wollte, bin ich vor lauter Gnatz erstmal eingeschlafen. Das Blatt sollte sich aber wenden, als wir am spaeten Nachmittag die Curio Bay gefunden haben. Und wisst ihr, was man da sehen konnte? 180 Millionen Jahre alte Baum-Fossile!! 
 
Das hatte mich ja schon ein wenig entschaedigt, aber dann kam es noch schaerfer! Von einem Hinweisschild wussten wir schon, dass diese Bucht auch eine Gelbaugenpinguin-Kolinie beherbergte. Allerdings war ich ein bisschen verwundert, denn auf diesem Schild war von einem Abstand von zehn Metern die Rede, waehrend man normalerweise immer mindestens 200 Meter Abstand zu den Pinguinen einhalten muss. Aber tatsaechlich – einer von denen kam wenig spaeter schnurstracks auf uns zu gewatschelt. Uns eins sag ich euch: So nah vor einer der seltensten Tierarten der Welt zu stehen, fuehlt sich an, als waere man 14 und wuerde seinen grossen Star treffen. Ich hatte total Bauchkribbeln und haette am liebsten hysterisch losgelacht. Da das den kleinen Pinguin wahrscheinlich sehr verwirrt haette, blieb ich ganz ruhig und hab lieber Fotos gemacht.
 
Ein Foto von diesem Tag muss ich euch allerdings noch zeigen. Als wir am Abend auf der Suche nach einer Unterkunft waren, sind wir auf dieses herrliche Schaf hier gestossen, das zwei Kilometer lang vor uns hergerannt ist, als ginge es um Leben und Tod. Ich koennt mich jedes Mal wegschmeissen, wenn ich's mir angucke.
Waehrend unseres letzten Tages in den Catlins hat sich dann die Wettervorhersage bewahrheitet, sodass wir den ganzen Rest im stroemenden Regen quasi nur noch im Eiltempo durchlaufen haben und dann Richtung Te Anau vor den Wolken geflohen sind. Einen kleinen Zwischenstopp haben wir in Invercargill eingelegt, um ihn hier zu sehen:
Das ist Henry. Henry ist ein Tuatara und ungefaehr 150 Jahre alt. Diese Dino-Eidechsen haben sich seit 225 Millionen Jahren nicht veraendert. Auf der ganzen Welt sind die mit den Dinosaueriern ausgestorben, nur in Neuseeland haben sie ueberlebt.
Nach weiteren zwei Stunden Fahrt hatten wir unser Tagesziel Te Anau dann erreicht. Dort angekommen waren wir zwar immernoch umzingelt von dicken Wolken, aber zumindest hat's nicht mehr geregnet. Also haben wir noch fix eine kleine Runde um Neuseelands zweitgroessten See gedreht, bevor wir uns im warmen Zimmer verschanzt haben (ich musste die Campleitung sogar um eine zweite Heizung anflehen, weil eine nicht gereicht hat).
Am Mittwoch ging es von Te Anau nach Milford Sound, einer der Hauptattraktionen in Neuseeland. Tatsaechlich war schon allein die Fahrt dorthin unschlagbar - das waren die wohl aufregendsten und schoensten (und mit Abstand auch die kaeltesten!) 120 Kilometer der letzten Wochen... Guckt euch das an! 
Mirror Lakes
eingemummelt weil wirklich kalt
 
TUNNEL!
unser erster Schnee
tausend Wasserfaelle
 
Milford Sound
Hier sind wir am naechsten Tag mit einem Boot an den 700 Meter hohen Felswaenden entlang geschippert, einmal bis zum Meer und zurueck, haben unter Wasserfaellen gewendet und die obligatorischen Seehunde aufgespuert. 
 
 
Das war schon echt beeindruckend, konnte mit der Anfahrt aber laengst nicht mithalten. Umso schoener war's, dass wir die gleichen 120 Kilometer ja auch wieder zurueck fahren mussten. Unterwegs hat uns ein Schild darauf hingewiesen, dass wir uns 45º Sued befanden, was genau die Mitte zwischen Aequator und Suedpol markiert. Angefuehlt hat es sich eher wie 5º vorm Suedpol, also wurde es hoechste Zeit langsam wieder gen Norden aufzubrechen. Der erste Stopp in dieser Richtung war Queenstown, die affigste Stadt der Welt. Wenn man nicht gerade von einer Bruecke in die Bungee-Hoelle stuerzen oder mit dem Fallschirm vom Himmel fallen moechte, hat man dort nicht besonders viel zu tun. Normalerweise hat Queenstown eine Einwohnerzahl von 13.000. Zur Hochsaison wird es zum weltweiten Mekka fuer Adrenalin-Junkies und zaehlt mehr als 45.000 Besucher am Tag! Einen Tag haben wir da gerade so rumgekriegt, aber auch nur, weil wir mit der Seilbahn auf einen Aussichtsberg gefahren sind (was fuer mich Adrenalin genug war).
 
 
Somit fiel uns die Entscheidung nicht schwer, gleich am naechsten Tag wieder aufzubrechen. Haengengeblieben sind wir dann 100 Kilometer weiter noerdlich in Wanaka, das genau wie Queenstown an einem huebschen See gelegen und von imposanten umgeben Bergen ist, dabei allerdings einen erholsamen Kleinstadtcharme versprueht. Der Zeltplatz unserer Wahl lag nochmal 11 Kilometer stadtauswaerts, sodass wir unser Lager quasi mitten im nirgendwo aufgeschlagen haben.
Weil wir ja ewig nich mehr laenger als ein oder zwei Stunden durch die Gegend spaziert sind, haben wir uns fuer den Sonntag eine herausfordernde Wanderroute in einem Nationalpark der Suedalpen vorgenommen. Vielleicht ahnt ihr es bereits – es war schweinekalt! Aber beim Wandern ueber Stock und Stein und Haengebruecken wird einem schnell warm, vor allem wenn es zwei Stunden lang bergauf geht. Aber wie immer hat es sich gelohnt, denn wir haben unser Ziel, den Rob Roy Glacier, gerade noch erreicht, bevor er von einer Wolkenwand verschlungen wurde. Dort haben wir bei 0 Grad ein kleines Thermoskannenpicknick veranstaltet und die riesigen Eisklumpen auf dem Berg bewundert. 
 
Das ist so eine Sache mit diesen Gletschern. Obwohl Sam mir mehrmals ausdauernd erklaert hat, was das eigentlich ist (ein Fluss aus Eis – so viel versteh ich ja), kapier ich ueberhaupt nicht wie das funktioniert. Weil ich aber jedes Mal so tue, als waer der Groschen endlich gefallen, trau ich mich nicht mehr nachzufragen... Ein wenig spaeter bekamen wir Gesellschaft von einem kleinen Kea, der voellig hypnotisiert von unseren leckeren Picknickbroten war und keine Sekunde von Sams Seite gewichen ist.
Aus Angst, mit dem Hintern an den Steinen festzufrieren, haben wir relativ bald den Rueckweg angetreten und am spaeten Nachmittag auch unseren Ausgangspunkt erreicht. Das waren zwoelf Kilometer auf- oder abwaerts in insgesamt fuenf Stunden, die einen dreitagelangen Muskelkater zur Folge hatten. Erfolgreicher Wandertag, wuerd ich sagen.

Als naechstes ging es an die angeblich sehr stuermische Westkueste, um dort die beiden Zwillingsgletscher Fox und Franz Josef mal unter die Lupe zu nehmen. Es war allerdings alles andere als stuermisch – eher so, als wuerden wir uns aus einem dunklen Eisbergdschungel nach Monaten der Kaelte den Weg zurueck ans Sonnenlicht bahnen und in Italien rauskommen. So schnell konnten wir gar nicht gucken, wie wir die Suedalpen hinter uns gelassen haben und ploetzlich von palmengesaeumten Straenden umgeben waren!
 
Die Gletscher selbst waren... naja, ganz okay. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte irgendwie erwartet, dass uns vor lauter Staunen die Kinnlade auf den Bauchnabel faellt. Also es war schon beeindruckend und so, aber eben nicht so spektakulaer wie erhofft. An den Fox Glacier konnten wir uns bis auf 80 Meter ranpirschen, sodass wir das Eis knacken hoeren konnten. Pro Tag bewegt sich dieser Fluss aus Eis durchschnittlich 1,5 Meter, manchmal sogar 5! Krass oder? Und dann haengt's davon ab, wie das Wetter war und wie sich der Schnee auf der Bergspitze benimmt, ob sich der Gletscher bergab oder bergauf bewegt. Aber wie gesagt, ich hab keine Ahnung warum. Aber es gibt wohl nicht viele Plaetze auf der Welt, wo ein Eisgletscher so nah an einem Ozean liegt, also ist das was ganz Besonderes, was wir da gesehen haben. So.
Von den Gletschern ging es weiter Richtung Sonne zu den Pancake Rocks. Das sind so Felsen im Meer, die aussehen wie uebereinandergeklatschte Eierkuchen. Es war maechtig laut da, wenn sich diese wirklich grossen Wellen an den Felsen gebrochen haben. Und ausserdem hab ich zum ersten Mal Regenboegen auf Wellen gesehen...
 
Naechster Halt war Westport, wo wir endlich ein Kino gefunden haben, in dem The Way lief - ein ganz wunderbarer Film ueber das Reisen und den Weg nach Santiago de Compostella. Das hier war das Kino:
Und das ist der Trailer:

Gestern waren wir dann lange an der Kueste spazieren und haben unterwegs auch eine Seehund-Kolonie gefunden, in der kleine Seehundbabies rumgesprungen sind. Mindestens genauso toll fand ich aber, dass da auf den Klippen auch viele Pferdekoppeln waren und eins der Pferdchen mein Freund sein wollte. Sam war nicht sonderlich begeistert von der Verzoegerung, aber da in mir explosionsartig alle verloren geglaubten Pferdemaedchen-Hormone wieder aufgebluet sind, mussten wir da einfach eine Weile bleiben.
 
 
 
Tja, und damit sind wir eine Runde rum. Heute sind wir wieder in Motueka gelandet, unserem ehemaligen Apfel-Zuhause (Kasten ganz oben). Und das war unsere Route:
Hier besuchen wir jetzt Jane und Grace und ruhen uns ein bisschen aus, und dann werden wir Sonntag oder Montag die Faehre zurueck zur Nordinsel nehmen. Und dann sind es noch drei Wochen... Drei Wochen. Das ist alles, was uebrig ist. Oh mann... Vor ein paar Tagen haben wir abends eine Reportage ueber Sumatra gesehen, bei der ich am liebsten losgeheult haette. Die bunten Maerkte und die vielen Menschen, der Regenwald mit seinen Orang Utans, knallrote Tuk Tuks... da waren wir doch auch erst! In dieser Nacht konnt ich dann nicht besonders gut schlafen, und am naechsten Morgen war mir auch bewusst warum. Ich hab Fernweh. Jetzt schon! Wenn ich ganz ehrlich bin fehlen mir hier die ganzen Abenteuer und Ueberraschungen... Neuseeland ist landschaftlich und auch was die Tierwelt angeht ja wirklich traumhaft, aber der Lebenstil und die Kultur unterscheiden sich halt kaum von zu Hause. Ich will wieder acht Stunden lang mit drei Huehnern aufm Schoss in vollgestopften Bussen sitzen, mit dem Motorrad zerfallene Tempelanlagen erkunden, auf Elefanten reiten und im stroemenden Regen durch den Dschungel hechten. Hier ist alles so vorhersehbar. Jedes potenzielle Abenteuer wird durch voellig abgedrehte Kosten im Keim erstickt, und sowieso ist alles in fuenf Sprachen ausgeschildert, mit Audio- und/oder Mensch-Guide versehen und in Kilometerzahl und Dauer in Minuten aufgeschluesselt. Ausserdem gibt es hier genauso viele Deutsche wie (ausgewanderte) Englaender, sodass auch die Kommunikation wirklich keine Herausforderung ist. Und ueberhaupt, ich weiss nicht mal, wann ich meinen Rucksack zum letzten Mal auf dem Ruecken hatte. Jeder Tag laeuft aehnlich ab wie der davor, und obwohl wir staendig durch die tollsten Landschaften duesen, hebt mich das mittlerweile kaum noch an. Generell hab ich festgestellt, dass wir echt nicht mehr leicht zu beeindrucken sind. Wir haben alles gesehen, wovon wir getraeumt haben, sind in sechs Monaten durch neun suedostasiatische Laender gereist und seit drei Monaten hier. So sehr mir Neuseeland gefaellt – mein visueller Speicherplatz ist einfach voll. Und in meinem Kopf herrscht Chaos: Ich bin erschoepft und freu mich riesig auf zu Hause, gleichzeitig will ich aber noch so viel mehr erleben. Und obendrauf kommt eine Brise Melancholie, weil sich der Abschiedsgedanke immer oefter ins Bewusstsein schleicht. Es ist doch verrueckt, dass jetzt alles hinter mir und nicht mehr vor liegt. Letztes Jahr um diese Zeit hab ich im Eiltempo meine Bachelorarbeit geschrieben, neun Stunden am Tag Pizza ausgefahren und jeden freien Moment mit der Planung meiner Reise verbracht. Und jetzt bleiben noch drei Wochen!
Sam plant ja schon seit einiger Zeit, naechstes Jahr ueber Brasilien und Peru nach Hause zu fliegen. Wenn ich bis dahin keinen vernuenftigen Job gefunden habe, haeng ich mich da einfach nochmal mit dran. Aber nicht wieder so lange, sonst dreht mir meine Familie den Hals um (oder noch schlimmer: ich werde enterbt). Mit diesen Traeumerein laesst es sich ein bisschen leichter leben...

Jetzt holen wir aber hier nochmal richtig Schwung und knoepfen uns die Nordinsel vor. Ich will noch mindestens eine Vulkanwanderung unternehmen, in blubbernden Strandquellen sitzen und Kiwis in freier Wildbahn sehen. Dann fahren wir nach Auckland, wo ich mich noch ein paar Tage sortieren kann, und dann geht's heimwaerts. Vorher meld ich mich aber nochmal. Also dann, meine Lieben, lasst es euch gut gehen und bis bald! Und denkt bloss nicht, dass ich mich nicht auf euch freue!! 


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