Hallo ihr Lieben!
Gute Nachtricht voran: Wir muessen nicht mehr sieben Pullover und drei Paar Struempfe anziehen – die
kaeltesten Regionen liegen hinter uns, ab jetzt wird's nur noch
waermer! Juchu!
Und das waren die letzten zwei Wochen:
Trotz wirklich mieser Wettervorhersage
sind wir vorletzten Sonntag bei strahlendem Sonnenschein in die
Catlins eingefallen. Dort sind wir allerdings gar nicht weit
gekommen, denn nach einer kurzen Wanderung zum Leuchtturm und den
dort lebenden Seehunden...
... sind wir in einer kleinen Bucht
haengen geblieben, in der eine Gelbaugenpinguin-Kolonie zu Hause ist.
Also haben wir uns dort zwei Stunden vor Daemmerung in einem kleinen
Haeuschen versteckt, und tatsaechlich – schon nach 20 Minuten kam
der erste Pingu aus dem Wasser gewackelt, dicht gefolgt von einem
Paerchen. Das sah verdaechtig nach Gluecksstraehne aus, und somit
sind wir einfach noch zwei Stunden da geblieben. Insgesamt zehn
Pinguine haben wir gesehen! Wir haben noch keinen getroffen, dass der
ueberbieten konnte!
Aus Mangel an Tageslicht mussten wir
dann aber irgendwann die Biege machen, um uns noch fix ein
Nachtquartier zu suchen. Gefunden haben wir einen Campingplatz, auf
dem ausser uns niemand war. Nicht mal Angestellte. Weil es waermer
war als an den Abenden zuvor, haben wir uns dazu entschlossen zur
Abwechslung wieder mal im Auto zu schlafen. Das hat auch gut
geklappt, bis ich mitten in der Nacht von einem Hoellenlaerm geweckt
wurde, der nach ausgelassener Vogel-Party auf unserem Autodach klang.
Man spinnt sich ja manchmal auch was zusammen, wenn man so im
Halbschlaf ist. Als mir es mir jedoch gelang auch mein Gehirn
aufzuwecken, fand ich heraus, dass es sich um Hagel handelte. Oha!
Eine Stunde lang lag ich wach und hab mir ohrenzuhaltend ausgemalt,
wie unser Auto wohl am naechsten Morgen aussehen wuerde... Entgegen
meiner Vermutungen gab es allerdings keine schwerwiegenden Beulen zu
verzeichnen, und so konnten wir muede aber gluecklich weiterduesen.
Erstes Ziel des Tages war das sogenannte Blow Hole – ein 55 Meter
tiefes Loch mitten in einem Schafsfeld, 200 Meter vom Meer entfernt.
Was es da macht und wieso es dort ist, hab ich nicht herausgefunden.
Auch nicht, warum es ueberhaupt Blow Hole heisst. Aber es war
trotzdem schoen.
Leider ging es von da an rapide bergab
mit unseren Plaenen, sodass ich eigentlich nur von Sachen berichten
kann, die wir nicht gesehen haben.
- Eine Stunde Strandwanderung bei Regen zu Seeloewen-Aufspuerungs-Zwecken – kein Seeloewe weit und breit
- ein beruehmter zu einem Museum umfunktionierter Bus – wegen Winter geschlossen
- Wasserfaelle – haben wir uebersprungen, weil wir uns beeilen mussten, um zur Ebbe bei den Cathedral Caves zu sein (das sind riesige Felshoehlen, in die man nur bei Ebbe betreten kann und die als DAS Highlight in den Catlins gelten)
- Cathedral Caves – oh man. Der Zugang zu diesen Hoehlen liegt auf einem Privatgelaende, das per Tor verschlossen ist und nur genau zur Ebbezeit fuer Besucher geoeffnet wird. Ausser am 13. Mai, da hatte scheinbar niemand Schluesseldienst. Auch nach einer Stunde Warten blieb das Tor zu, und wir konnten wieder abdampfen.
So ein Kack. Weil mit Grumel Griesgram
auf dem Fahrersitz dann nicht besonders viel anzufangen war und sich
meine Laune auch nicht ueber die Kellerebene hinaus bewegen wollte,
bin ich vor lauter Gnatz erstmal eingeschlafen. Das Blatt sollte sich
aber wenden, als wir am spaeten Nachmittag die Curio Bay gefunden
haben. Und wisst ihr, was man da sehen konnte? 180 Millionen Jahre
alte Baum-Fossile!!
Das hatte mich ja schon ein wenig
entschaedigt, aber dann kam es noch schaerfer! Von einem
Hinweisschild wussten wir schon, dass diese Bucht auch eine
Gelbaugenpinguin-Kolinie beherbergte. Allerdings war ich ein bisschen
verwundert, denn auf diesem Schild war von einem Abstand von zehn
Metern die Rede, waehrend man normalerweise immer mindestens 200
Meter Abstand zu den Pinguinen einhalten muss. Aber tatsaechlich –
einer von denen kam wenig spaeter schnurstracks auf uns zu
gewatschelt. Uns eins sag ich euch: So nah vor einer der seltensten
Tierarten der Welt zu stehen, fuehlt sich an, als waere man 14 und
wuerde seinen grossen Star treffen. Ich hatte total Bauchkribbeln und
haette am liebsten hysterisch losgelacht. Da das den kleinen Pinguin
wahrscheinlich sehr verwirrt haette, blieb ich ganz ruhig und hab
lieber Fotos gemacht.
Ein Foto von diesem Tag muss ich euch
allerdings noch zeigen. Als wir am Abend auf der Suche nach einer
Unterkunft waren, sind wir auf dieses herrliche Schaf hier gestossen,
das zwei Kilometer lang vor uns hergerannt ist, als ginge es um Leben
und Tod. Ich koennt mich jedes Mal wegschmeissen, wenn ich's mir
angucke.
Waehrend unseres letzten Tages in den
Catlins hat sich dann die Wettervorhersage bewahrheitet, sodass wir
den ganzen Rest im stroemenden Regen quasi nur noch im Eiltempo
durchlaufen haben und dann Richtung Te Anau vor den Wolken geflohen
sind. Einen kleinen Zwischenstopp haben wir in Invercargill
eingelegt, um ihn hier zu sehen:
Das ist Henry. Henry ist ein Tuatara und
ungefaehr 150 Jahre alt. Diese Dino-Eidechsen haben sich seit 225 Millionen
Jahren nicht veraendert. Auf der ganzen Welt sind die mit den
Dinosaueriern ausgestorben, nur in Neuseeland haben sie ueberlebt.
Nach weiteren zwei Stunden Fahrt hatten
wir unser Tagesziel Te Anau dann erreicht. Dort angekommen waren wir
zwar immernoch umzingelt von dicken Wolken, aber zumindest hat's
nicht mehr geregnet. Also haben wir noch fix eine kleine Runde um
Neuseelands zweitgroessten See gedreht, bevor wir uns im warmen
Zimmer verschanzt haben (ich musste die Campleitung sogar um eine
zweite Heizung anflehen, weil eine nicht gereicht hat).
Am Mittwoch ging es von Te Anau nach
Milford Sound, einer der Hauptattraktionen in Neuseeland.
Tatsaechlich war schon allein die Fahrt dorthin unschlagbar - das
waren die wohl aufregendsten und schoensten (und mit Abstand auch die
kaeltesten!) 120 Kilometer der letzten Wochen... Guckt euch das an!
| Mirror Lakes |
| eingemummelt weil wirklich kalt |
| TUNNEL! |
| unser erster Schnee |
| tausend Wasserfaelle |
| Milford Sound |
Hier sind wir am naechsten Tag mit
einem Boot an den 700 Meter hohen Felswaenden entlang geschippert,
einmal bis zum Meer und zurueck, haben unter Wasserfaellen gewendet
und die obligatorischen Seehunde aufgespuert.
Das war schon echt beeindruckend,
konnte mit der Anfahrt aber laengst nicht mithalten. Umso schoener
war's, dass wir die gleichen 120 Kilometer ja auch wieder zurueck
fahren mussten. Unterwegs hat uns ein Schild darauf hingewiesen, dass
wir uns 45º
Sued befanden, was genau die Mitte zwischen Aequator und Suedpol
markiert. Angefuehlt hat es sich eher wie 5º
vorm Suedpol, also wurde es hoechste Zeit langsam wieder gen Norden
aufzubrechen. Der erste Stopp in dieser Richtung war Queenstown, die
affigste Stadt der Welt. Wenn man nicht gerade von einer Bruecke in
die Bungee-Hoelle stuerzen oder mit dem Fallschirm vom Himmel fallen
moechte, hat man dort nicht besonders viel zu tun. Normalerweise hat
Queenstown eine Einwohnerzahl von 13.000. Zur Hochsaison wird es zum
weltweiten Mekka fuer Adrenalin-Junkies und zaehlt mehr als 45.000
Besucher am Tag! Einen Tag haben wir da gerade so rumgekriegt, aber
auch nur, weil wir mit der Seilbahn auf einen Aussichtsberg gefahren
sind (was fuer mich Adrenalin genug war).
Somit fiel uns die Entscheidung nicht
schwer, gleich am naechsten Tag wieder aufzubrechen. Haengengeblieben
sind wir dann 100 Kilometer weiter noerdlich in Wanaka, das genau wie
Queenstown an einem huebschen See gelegen und von imposanten umgeben
Bergen ist, dabei allerdings einen erholsamen Kleinstadtcharme
versprueht. Der Zeltplatz unserer Wahl lag nochmal 11 Kilometer
stadtauswaerts, sodass wir unser Lager quasi mitten im nirgendwo
aufgeschlagen haben.
Weil wir ja ewig nich mehr laenger als
ein oder zwei Stunden durch die Gegend spaziert sind, haben wir uns
fuer den Sonntag eine herausfordernde Wanderroute in einem
Nationalpark der Suedalpen vorgenommen. Vielleicht ahnt ihr es
bereits – es war schweinekalt! Aber beim Wandern ueber Stock und
Stein und Haengebruecken wird einem schnell warm, vor allem wenn es
zwei Stunden lang bergauf geht. Aber wie immer hat es sich gelohnt,
denn wir haben unser Ziel, den Rob Roy Glacier, gerade noch erreicht,
bevor er von einer Wolkenwand verschlungen wurde. Dort haben wir bei
0 Grad ein kleines Thermoskannenpicknick veranstaltet und die
riesigen Eisklumpen auf dem Berg bewundert.
Das ist so eine Sache mit diesen
Gletschern. Obwohl Sam mir mehrmals ausdauernd erklaert hat, was das
eigentlich ist (ein Fluss aus Eis – so viel versteh ich ja), kapier
ich ueberhaupt nicht wie das funktioniert. Weil ich aber jedes Mal so
tue, als waer der Groschen endlich gefallen, trau ich mich nicht mehr
nachzufragen... Ein wenig spaeter bekamen wir Gesellschaft von einem
kleinen Kea, der voellig hypnotisiert von unseren leckeren
Picknickbroten war und keine Sekunde von Sams Seite gewichen ist.
Aus Angst, mit dem Hintern an den
Steinen festzufrieren, haben wir relativ bald den Rueckweg angetreten
und am spaeten Nachmittag auch unseren Ausgangspunkt erreicht. Das
waren zwoelf Kilometer auf- oder abwaerts in insgesamt fuenf Stunden,
die einen dreitagelangen Muskelkater zur Folge hatten. Erfolgreicher
Wandertag, wuerd ich sagen.
Als naechstes ging es an die angeblich
sehr stuermische Westkueste, um dort die beiden Zwillingsgletscher
Fox und Franz Josef mal unter die Lupe zu nehmen. Es war allerdings
alles andere als stuermisch – eher so, als wuerden wir uns aus
einem dunklen Eisbergdschungel nach Monaten der Kaelte den Weg
zurueck ans Sonnenlicht bahnen und in Italien rauskommen. So schnell
konnten wir gar nicht gucken, wie wir die Suedalpen hinter uns
gelassen haben und ploetzlich von palmengesaeumten Straenden umgeben
waren!
Die Gletscher selbst waren... naja,
ganz okay. Ich weiss nicht warum, aber ich hatte irgendwie erwartet,
dass uns vor lauter Staunen die Kinnlade auf den Bauchnabel faellt.
Also es war schon beeindruckend und so, aber eben nicht so
spektakulaer wie erhofft. An den Fox Glacier konnten wir uns bis auf
80 Meter ranpirschen, sodass wir das Eis knacken hoeren konnten. Pro
Tag bewegt sich dieser Fluss aus Eis durchschnittlich 1,5 Meter,
manchmal sogar 5! Krass oder? Und dann haengt's davon ab, wie das
Wetter war und wie sich der Schnee auf der Bergspitze benimmt, ob
sich der Gletscher bergab oder bergauf bewegt. Aber wie gesagt, ich
hab keine Ahnung warum. Aber es gibt wohl nicht viele Plaetze auf der
Welt, wo ein Eisgletscher so nah an einem Ozean liegt, also ist das
was ganz Besonderes, was wir da gesehen haben. So.
Von den Gletschern ging es weiter
Richtung Sonne zu den Pancake Rocks. Das sind so Felsen im Meer, die
aussehen wie uebereinandergeklatschte Eierkuchen. Es war maechtig
laut da, wenn sich diese wirklich grossen Wellen an den Felsen
gebrochen haben. Und ausserdem hab ich zum ersten Mal Regenboegen auf
Wellen gesehen...
Naechster Halt war Westport, wo wir
endlich ein Kino gefunden haben, in dem The Way lief - ein
ganz wunderbarer Film ueber das Reisen und den Weg nach Santiago de
Compostella. Das hier war das Kino:
Und das ist der Trailer:
Gestern waren wir dann lange an der
Kueste spazieren und haben unterwegs auch eine Seehund-Kolonie
gefunden, in der kleine Seehundbabies rumgesprungen sind. Mindestens
genauso toll fand ich aber, dass da auf den Klippen auch viele
Pferdekoppeln waren und eins der Pferdchen mein Freund sein wollte.
Sam war nicht sonderlich begeistert von der Verzoegerung, aber da in
mir explosionsartig alle verloren geglaubten Pferdemaedchen-Hormone
wieder aufgebluet sind, mussten wir da einfach eine Weile bleiben.
Tja, und damit sind wir eine Runde rum. Heute sind wir wieder in Motueka gelandet, unserem ehemaligen
Apfel-Zuhause (Kasten ganz oben). Und das war unsere Route:
Hier besuchen wir jetzt Jane und Grace und ruhen uns ein
bisschen aus, und dann werden wir Sonntag oder Montag die Faehre
zurueck zur Nordinsel nehmen. Und dann sind es noch drei Wochen...
Drei Wochen. Das ist alles, was uebrig ist. Oh mann... Vor ein paar
Tagen haben wir abends eine Reportage ueber Sumatra gesehen, bei der
ich am liebsten losgeheult haette. Die bunten Maerkte und die vielen
Menschen, der Regenwald mit seinen Orang Utans, knallrote Tuk Tuks...
da waren wir doch auch erst! In dieser Nacht konnt ich dann nicht
besonders gut schlafen, und am naechsten Morgen war mir auch bewusst
warum. Ich hab Fernweh. Jetzt schon! Wenn ich ganz ehrlich bin fehlen
mir hier die ganzen Abenteuer und Ueberraschungen... Neuseeland ist
landschaftlich und auch was die Tierwelt angeht ja wirklich
traumhaft, aber der Lebenstil und die Kultur unterscheiden sich halt
kaum von zu Hause. Ich will wieder acht Stunden lang mit drei
Huehnern aufm Schoss in vollgestopften Bussen sitzen, mit dem
Motorrad zerfallene Tempelanlagen erkunden, auf Elefanten reiten und
im stroemenden Regen durch den Dschungel hechten. Hier ist alles so
vorhersehbar. Jedes potenzielle Abenteuer wird durch voellig
abgedrehte Kosten im Keim erstickt, und sowieso ist alles in fuenf
Sprachen ausgeschildert, mit Audio- und/oder Mensch-Guide versehen
und in Kilometerzahl und Dauer in Minuten aufgeschluesselt. Ausserdem gibt es hier genauso viele
Deutsche wie (ausgewanderte) Englaender, sodass auch die
Kommunikation wirklich keine Herausforderung ist. Und ueberhaupt, ich
weiss nicht mal, wann ich meinen Rucksack zum letzten Mal auf dem
Ruecken hatte. Jeder Tag laeuft aehnlich ab wie der davor, und obwohl
wir staendig durch die tollsten Landschaften duesen, hebt mich das
mittlerweile kaum noch an. Generell hab ich festgestellt, dass wir
echt nicht mehr leicht zu beeindrucken sind. Wir haben alles gesehen,
wovon wir getraeumt haben, sind in sechs Monaten durch neun
suedostasiatische Laender gereist und seit drei Monaten hier. So sehr
mir Neuseeland gefaellt – mein visueller Speicherplatz ist einfach
voll. Und in meinem Kopf herrscht Chaos: Ich bin erschoepft und freu
mich riesig auf zu Hause, gleichzeitig will ich aber noch so viel
mehr erleben. Und obendrauf kommt eine Brise Melancholie, weil sich
der Abschiedsgedanke immer oefter ins Bewusstsein schleicht. Es ist
doch verrueckt, dass jetzt alles hinter mir und nicht mehr vor liegt.
Letztes Jahr um diese Zeit hab ich im Eiltempo meine Bachelorarbeit
geschrieben, neun Stunden am Tag Pizza ausgefahren und jeden freien
Moment mit der Planung meiner Reise verbracht. Und jetzt bleiben noch
drei Wochen!
Sam plant ja schon seit einiger Zeit,
naechstes Jahr ueber Brasilien und Peru nach Hause zu fliegen. Wenn
ich bis dahin keinen vernuenftigen Job gefunden habe, haeng ich mich
da einfach nochmal mit dran. Aber nicht wieder so lange, sonst dreht
mir meine Familie den Hals um (oder noch schlimmer: ich werde
enterbt). Mit diesen Traeumerein laesst es sich ein bisschen leichter
leben...
Jetzt holen wir aber hier nochmal
richtig Schwung und knoepfen uns die Nordinsel vor. Ich will noch
mindestens eine Vulkanwanderung unternehmen, in blubbernden
Strandquellen sitzen und Kiwis in freier Wildbahn sehen. Dann fahren
wir nach Auckland, wo ich mich noch ein paar Tage sortieren kann, und
dann geht's heimwaerts. Vorher meld ich mich aber nochmal. Also dann,
meine Lieben, lasst es euch gut gehen und bis bald! Und denkt bloss
nicht, dass ich mich nicht auf euch freue!!
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